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Die Politisierung des Bürgers
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Eine fantastische Frau (Chile, BRD 2016, Kinostart 07.09.2017)
Regie: Sebastián Lelio
Besprechung von Franz Witsch
Hamburg, 31.08.2017
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Filmen kommt eine wichtige sozial- und politikwissenschaftliche Funktion zu: Sie tragen heute entscheidend dazu bei, soziale Sachverhalte, die ansonsten im Innenleben des Bürgers ein indifferentes Leben fristen würden, zu verbegrifflichen, zumal in einer Welt ausdünnender Kommunikation, in der Menschen zunehmend überfordert sind, über Gefühle zu sprechen, wenn sie negativ sind. Sie illustrieren mentale Dispositionen in ihrer Verbindung zu sozialen Kontexten, um dem Zuschauer zunächst zu bedeuten, dass es sie gibt oder geben könnte, was allerdings nicht einschließt, dass er außerhalb des Kinos in der Lage wäre, über jene Verbindungen zu sprechen; ist das Kino für die meisten Zuschauer doch eine (von der realen Welt isolierte) Welt für sich, in der „große Gefühle“ gelebt werden können, mithin schon mal Tränen fließen, die Zuschauer außerhalb des Kinos zu verbergen bemüht sind.

Kommen Gefühle (außerhalb des Kinos) ins Spiel, wird’s eng. Sie entziehen sich einer (außersubjektiven) Institutionalisierung: einer vorhersehbaren, konventionellen resp. allgemein anerkannten Versprachlichung. In dieser geht es um Bedeutungsgehalte, die man dem Wort oder Zeichen(ketten) zuschreibt, um Menschen normgerecht bzw. vorhersehbar zu verbinden, während das Kino, wenn es denn gutes Kino sein will, bemüht sein sollte, im Zeichen vergegenständlichte außersubjektive Bedeutungsgehalte innersubjektiv zu rekonstruieren, gewissermaßen neu zu erfinden – nicht indem Kino neue Zeichen mit einem zeichenspezifischen Bedeutungsgehalt erfindet, sondern dem Zuschauer hilft, Bedeutungsgehalte geläufiger Zeichen mit neuen oder modifizierten Bedeutungsgehalten zu überschreiben. Derart tragen sie zur Verbegrifflichung bislang unsagbarer sozialer Sachverhalte bei. Ein zunächst mentaler (innerer) Vorgang, heute immer schwieriger zu bewältigen wiewohl wichtiger in einer Zeit gesellschaftlichen Niedergangs, in der Menschen im unmittelbaren Kontakt zueinander immer weniger voneinander erfahren, das überrascht: ihre Beziehungen wie ihr Innenleben sind institutionalisiert, nahezu vollständig, könnte man vermuten. Gleichwohl sind soziale Strukturen, insbesondere Massengesellschaften ohne einen angemessenen Grad der Institutionalisierung des Innenlebens nicht lebensfähig; sie regressieren (wie ihre Menschen, die sie tragen) allerdings, wenn Menschen nur „nachplappern“ (was alle sagen), zumal wenn man ihnen auch noch abverlangt, dass sie nachplappern.

Mit anderen Worten: Abweichungen von der Norm werden immer weniger geduldet: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Du redest wie ein Putin-Freund. Hinweg mit Dir! So ticken die meisten Menschen mental; so will es der Mainstream; so wollen es sogenannte seriöse (Print-)Medien, der öffentlich-rechtliche Diskurs. Und werden doch alle immer wieder konfrontiert mit besonderen Filmen wie u.a. “Eine fantastische Frau” oder “It Comes at Night”, die in ihrem Bedeutungsgehalt zu entschärfen jene sogenannten seriösen Medien immer wieder bemüht sind, ganz generell, indem sie das Besondere, das Differenzielle, das guten Filmen wie der “Fantastischen Frau” zukommt, gleichschalten, mehr oder weniger im Gut-Böse-Schema: hier die Guten, dort die Bösen. Das geschieht konventionell, indem Figuren, die es verdienen, überhöht, auf einen Sockel gehoben werden, um sie allgemeiner Bewunderung auszusetzen, indes mit der Nebenwirkung, dass sie dort, in luftiger Höhe, als soziale Sachverhalte nicht mehr begreiflich, einer differenziellen (und damit substanziellen) verbegrifflichenden Analyse nicht mehr zugänglich sind.

Marina (Daniela Vega) ist diese fantastische Frau, ein unglücklicher Titel, wie gleich deutlicher wird; sie wird in den seriösen Medien oder solchen, die sich dafür halten, herablassend entsorgt mit Sätzen wie “Eine Frau geht ihren Weg”, “Marina lässt sich nicht unterkriegen” (kino-zeit.de), “Die Kamera ist verliebt in Marinas Gesicht” (Tagesspiegel) oder betulich – den Experten raushängend – mit dem folgenden Fazit: “Marina ist tatsächlich eine ganz fantastische Frau” und habe deshalb “einen besseren Film verdient gehabt.” (filmstarts.de).

Mit solchen Sätzen bringen Filminterpreten, ohne es zu ahnen, zum Ausdruck, dass sie sich für Menschen, die sich einer Überhöhung verweigern, nur begrenzt interessieren. Dass sie sich für Kino nur begrenzt interessieren. Es fragt sich, für was sie sich überhaupt interessieren außer für sich selbst? Marina ist alles Mögliche, doch warum sie gleich “fantastisch” nennen? Es ist ein Eigenschaftswort, das charakterliche Indifferenzen transportiert und damit das Innenleben (der Filmfiguren wie der Zuschauer) gleichschaltet. Und Filmverantwortliche entblöden sich auch nicht mit mensch-überhöhenden Filmtiteln wie „Eine fantastische Frau“ die üblichen Zugeständnisse an den Mainstream zu machen, wie um seine Repräsentanten in ihren Interpretationsbemühungen mental nicht zu überfordern.

Ihren Weg geht Marina, eine Transsexuelle, deren Freund und Geliebter Orlando (Francisco Reyes) nach einer Liebesnacht unter ihren Händen wegstirbt, gerade nicht. Wie auch in einer Umgebung, die sie ausgrenzt und diese Ausgrenzung mit zum Teil gewalttätigen Demütigungen begleitet. Insbesondere Sonja (Aline Küppenheim), die eifersüchtige Ex-Frau von Orlando, macht ihr das Leben zur Hölle, z.B. indem sie das Gerücht eines Verbrechens streut und Marina eine Kommissarin (für Sexualstrafdelikte) auf den Hals hetzt, außerdem dafür sorgt, dass sie sich einer peinigenden gerichtsmedizinischen Untersuchung aussetzt, angeblich um sie zu entlasten, in Wirklichkeit zur eindeutigen Identifizierung ihres Geschlechts und damit ihrer “Perversität”.

Demütigung folgt auf Demütigung, der sich Marina nicht zu entziehen vermag. Dazu müsste sie sich für die Umgebung unsichtbar machen, differenzielle mentale und körperliche Eigenschaften verbergen, sein wie jede(r) andere. Geht nicht; also muss sie ihre Umgebung ertragen. Beziehungen, die ihr nicht ohne Mühe bleiben, helfen nicht wirklich weiter. Einer Untoten gleich bewegt sie sich in einer ihr feindlich gesonnenen Welt; man könnte vielleicht sagen, traumatisiert; freilich in gewisser Weise ohne Begriff (einer Traumatisierung); erfahrbar in bewegten und bewegenden Bildern des Films, jedenfalls für Zuschauer, die in Dialoge hineinhören (können), als käme ihnen ein Innenleben zu, das explizit im Satz „Marina ist traumatisiert“ nicht aufgeht. Man sagt ihn und kann nicht sagen, was das „konkret“ ist: ein Trauma, es sei denn, es ergibt sich in einer extremen Ausnahmesituation unmittelbar zu erkennen, z.B. bei Kriegsheimkehrern oder Holocaust-Überlebenden wie dem Pianisten in Polanskis Film „Der Pianist“.

So gesehen bleibt das Traumatische, wenn es denn im alltäglichen Normalbereich spürbar ist, zunächst unsagbar, wiewohl für Ausgegrenzte wie Marina im Vorfeld eines sagbaren sozialen Sachverhalts schon allgegenwärtig durch eingeübte Denk- und Verhaltens-Mechanismen, mit denen es Marina – wie um ihr Trauma zu bannen – zwar gelingt, ihrem Leben eine Struktur zu verleihen, allerdings mehr schlecht als recht: ver-institutionalisiert (wie wir es auch bei Hartz-IV-Abhängigen kennen), um Überraschungen, die Leben lebenswert machen, aus dem Weg zu gehen, weil ihre Umgebung Überraschungen nicht will und mit ihren Demütigungen unsagbares Traumatisches auslösen könnte. Das lässt den obigen Satz “Eine Frau geht ihren Weg” deplaciert erscheinen.

Sie geht ja, doch was für ein Weg soll das sein? Vielleicht den zu ihrem Gesangslehrer, der sie mag, sich aber nicht für ihre Einsamkeit, sondern nur für ihre Gesangstechnik zuständig fühlt. Damit sie in der Musik – ihrer Musik – zur Ruhe kommt, allerdings abgeschottet von der Realität, die traumatisiert. Zuweilen tut’s ein psychodelischer Disco-Besuch, wo sie sich im Tanz wie unter Drogen für ein paar Momente Rauschzustände spritzt. Das sind Wege, die auf Dauer nirgendwo hinführen, es sei denn in die Welt eines Gefühlsjunkies, der seine Umgebung daran bemisst, ob sie ihn mit (Hoch-) Gefühlen bedient, die er mit Mühe zu generieren in einem sprachgestützten intersubjektiven Kontext nicht in der Lage ist.

Hier hätten wir vielleicht eine erste Annäherung an den Begriff der Traumatisierung, die im Hochgefühl aufgehen könnte, wenn das traumatisierte Subjekt denn zu Gefühlen auf natürliche Weise (ganz ohne Drogen im intersubjektiven Kontext) nicht in der Lage ist; etwa über die Musik, kurz vor dem Abspann des Films durch den Genuss einer wunderschönen Händel-Arie, die unsere Heldin, eine Art Show-Down, auf der Bühne singt, extrem berührend, sodass schon mal Tränen ungefragt fließen, die allerdings – und das könnte eine weitere vorsichtige Begriffs-Annäherung sein – „krankhaft“ und „krankmachend“ dem Intersubjektiven abgeneigt auf etwas anderes als auf sich selbst nicht verweisen; oder nur auf einen sozialen Sachverhalt, der ausschließlich – auf sich selbst verweisend – im Innenleben des Zuschauers aufgeht; im verzweifelten Bemühen, Traumatisierungen zu bannen, wie um sie zu beschwören, eine Verbindung zur äußeren sozialen Welt zu simulieren in der Liebe zu einer un-geerdeten mythologisierenden  Abstraktion (zum Helden, der seinen Weg macht), pure Vorstellung, die ein Außen nicht braucht, um geliebt zu werden.

 

It Comes at Night  (USA 2017, Kinostart steht noch nicht fest)
Regie: Trey Edward Shults
Besprechung von Franz Witsch
Hamburg, 24.08.2017

“It Comes at Night”, ein überaus beklemmender Horrorfilm, beschreibt am Beispiel einer dreiköpfigen Familie, was es bedeutet, einer extremen Ausnahmesituation ausgesetzt zu sein: ein tödlicher hoch ansteckender Virus hat nahezu die ganze Menschheit hinweggerafft. Paul (Joel Edgerton), seine Frau Sarah (Carmen Ejogo) und ihr 17-jähriger Sohn Travis (Kelvin Harrison) haben in einem verlassenen Haus im Wald überlebt, noch zusammen mit ihrem Großvater, der allerdings, vom Virus angesteckt, schwerkrank daniederliegt und vom Leben der übrigen Familienmitglieder wie ein Aussätziger gemieden werden muss.

Doch kann von einem Leben noch die Rede sein? Panisch vor Angst erschießt Paul den Todkranken und verbrennt ihn in einer notdürftig ausgehobenen Kule im Wald, “vernünftig”, wie es scheint, um die Familie zu retten, denkt Paul, sagt es auch, möglichst in einem Ruhe und Gelassenheit ausstrahlenden opaken Ton, der, alle charakterlichen Differenzierungen gleichschaltend, nichts über seinen inneren Zustand verraten soll. Paul weiß vernuftgründig, dass Panik alles schlimmer macht. Geht’s noch schlimmer? Gerade wurde der geliebte Großvater liquidiert. Dabei wurden Werte gegeneinander abgewogen, Nach- oder Vorrangigkeiten reflektiert: Darf man unschuldige Zivilisten töten, um einen mutmaßlichen Terroristen ferngesteuert zu liquidieren?

Fragt sich, ob in extremen Ausnahmesituationen der Vernunft-Begriff, zur Regulierung des Innenlebens des gesellschaftlichen Kontextes erfunden, überhaupt greift, ob ihm nicht irgendwann die Funktion zukommt, extrem traumatische oder traumatisierende Lebenserfahrungen – gleichsam magisch – zu beschwören: in irgendwie lebbares Leben zu verwandeln. Vater Paul ist jedenfalls entschlossen, das, was vom Familienleben noch übrig geblieben ist, auf geradezu extremistische Weise zu regulieren, um das buchstäblich nackte Überleben möglichst lange zu sichern, obwohl vielleicht gar nichts mehr zu retten ist; lauern doch überall Gefahren, die die Disziplin der Familienmitglieder auf eine harte Probe stellen, der sie auf Dauer nicht gewachsen sind. Am Ende herrscht dann vollständiges Chaos, totale Regellosigkeit, die sich mit einem Tabubruch, der Liquidierung des Großvaters, schon ankündigt.

Freilich wird erst in der vollständigen Regellosigkeit schwerst-traumatisiertes Denken, Sprechen und Handeln – fast möchte man sagen: endlich – sichtbar, das zuvor im indifferenten  Schatten regulierten Denkens, Sprechens und Handelns nur nicht sichtbar war. Allein behandelbar ist das Trauma nur während seiner Inkubationszeit, in der differenziertes und differenzierendes Reflektieren und Analysieren noch möglich ist.

Es drängen sich Parallelen über den Zustand unserer Welt auf, die vielleicht dabei ist, in extreme Ausnahmesituationen zu verfallen, die sich einer Kontrolle vielleicht bald gänzlich entziehen, wenn dies nicht schon längst geschehen ist. Trump, der “Widerling” (Hillary Clinton), lässt grüßen.
 

Es war einmal Indianerland  (BRD 2017, Kinostart 19.10.2017)
Regie: Ilker Çatak
Besprechung von Franz Witsch
Hamburg, 18.08.2017

Fragt ein alter Fisch ein paar junge Fische: Na, wie ist das Wasser heute? Häh...? Wasser, was ist das? fragen sich die jungen Fische. Genauso mag sich der 17-jährige Mauser (Leonard Scheicher) fühlen: er weiß nicht, in welcher Welt er lebt, jetzt, wo er in wenigen Tagen in einem wichtigen Boxkampf beweisen muss, dass er als Boxer etwas wert ist. Allein seine Welt ist zur Singularität zusammengeschrumpft, auf diesen einen Boxkampf. Während die Welt um dieses Ereignis herum ihm immer unwirklicher, unheimlicher, verschwommener vorkommt.

Wie auch nicht? Die Welt weiß um die Bedeutung seiner weltumspannenden Singularität nichts, verströmt aber dennoch liebenswürdige Gefühle. Weil Mauser sympathisch ist, auf Anhieb wirkt. Auch auf zwei junge Frauen. In beide verliebt er sich. Das wirft ihn gänzlich aus der Bahn. Und er bekommt mit der einen, die weiß, was sie will, auch gleich Ärger, weil sie mit seiner auf einen Punkt geschrumpften Welt nichts anfangen kann, es auch nicht will; schon gar nicht erträgt sie es, dass er seine Zähne nicht auseinanderkriegt, Gefühle nicht versprachlicht, in psychodelischen, manchmal auch psychotisch anmutenden Gefühlen schwelgt, die der Film in wunderschönen Farben zeichnet, als wolle er jenen Gefühlen ein Denkmal setzen, eine Welt noch einmal zum Erblühen bringen, während sie unweigerlich ihrem Ende entgegen taumelt; wie Mauser seinem Boxkampf. Herbst-Blühte. 

So weit sind seine beiden Lieben noch nicht. Keineswegs nur für sich selbst existierend, wollen sie weder die Welt noch sich selbst unwirklich-verschwommen wahrnehmen; und schon gar nicht so von jemandem wahrgenommen werden, in den sie sich verlieben, der in ihrer Welt umhertaumelt als existiere er und die Welt um ihn herum nicht real. Weil ihnen Mausers Boxkampf nicht so unter den Nägeln brennt wie seinem Vater, der ihn zum Kampf prügelt, worauf Mauser als psychisch Gefährdeter cholerisch reagiert, vermutlich weil seit seiner Kindheit auf ihn zu oft eingeprügelt wurde, um nunmehr auf Druck zu empfindlich, seiner selbst kaum bewusst zu reagieren, mit der Tendenz, aus der Welt herauszufallen, wiewohl, wie um einen damit einhergehenden Schmerz zu bannen, in einzelnen Momenten sich selbst psychotisierend; zumal – das auch noch! – sein Vater gerade seine Freundin, Mausers Stiefmutter, umgebracht hat. Frauen um ihn herum werden nicht alt. Oder aber altern vor ihrer Zeit.

Vielleicht auf andere Weise auch nicht neben Mauser in einer Welt, die ihm immer fremder wird. Wo bin ich? Was wollen all die Menschen von mir? Ja, was schon? Vielleicht einfach nur nett zu ihm sein. Er sucht Gründe, wo es keine spezifizierbaren Gründe gibt und findet keine, etwa im Familienleben, die sich aufdrängen, das er aber nur cholerisch zu verarbeiten vermag. So fühlt er sich gar nicht gut, halt wie ein Fisch im Wasser, ohne Vorstellung, dass es Wasser gibt, in dem er lebt. Das hält keiner lange aus neben jemandem, dem die Welt entgleitet, möglicherweise psychotisierend, weil er sie in ihren Differenzen nicht (mehr) wahrnimmt: Die eine Liebe verschwindet, taucht auf, um gleich wieder zu verschwinden, die andere versucht, ihn zur Rede zu stellen: Das Thema “Zähne nicht auseinander kriegen” hatten wir schon, sagt sie. Kommt noch was? fügt sie nach einer zu langen Pause hinzu.

Ja und genau das ist es, was Mauser zu schaffen macht: er weiß nicht, wer er ist, was er soll, wozu er da ist. Er ist buchstäblich nur da, weniger als ein Fisch im Wasser.

 

Killer's Bodyguard (USA 2017, Kinostart 31.08.2017)
Regie: Patrick Hughes
Besprechung von Franz Witsch (im PDF-Format lesen)
Hamburg, 15.08.2017

Gefangene werden nicht mehr gemacht. So will es uns die Action-Komödie „Killer’s Bodygaard“ bedeuten, in dem zwei ungleiche Helden von ihren nicht weniger schlagkräftigen Ex-Frauen erst genötigt werden, sich zusammenzuraufen, um sodann jede Menge Bösewichter abzuknallen. Beide wollen, dass Vladislav Dukhovich (Gary Oldman), Weissrusslands  skrupelloser und grausamer Ex-Diktator, in Amsterdam vor Gericht seine gerechte Strafe bekommt. Dazu muss der eine Held, der geläuterte Killer Kincaid (Samuel L. Jackson), innerhalb von 27 Stunden vor Gericht als Kronzeuge erscheinen, um eine entscheidende Aussage zu machen, damit dieser seine gerechte Strafe bekommen kann. Das macht der Kronzeuge nicht, um seine Strafe abzumildern, sondern seine extrem schlagkräftige Freundin Sonia (Salma Hayek) aus dem Gefängnis freizubekommen – selbstlos, versteht sich. Als er sie kennenlernte, hat er – wie putzig!? – ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt als sie direkt vor seinen Augen einem kräftigen Gewalttäter mal eben aus dem Handgelenk die Halsschlagader aufschlitzte. Die muss ich haben! Und kriegt sie auch. LoL! Gleichwohl möchte der Film in seinen rührseligen Sequenzen ernstgenommen werden. Und so zeichnet er einen liebenswürdigen, quasi resozialisierten Killer, der es eigentlich verdient, in die Gemeinschaft normaler und wertvoller Bürger aufgenommen zu werden.

Der Filmemacher will aber mehr bieten. Nicht nur dass unsere Superhelden auf ihrem Weg zum Gericht jede Menge übelster Spießgesellen des Ex-Diktators aus dem Verkehr ziehen müssen; sie zelebrieren diese ihre Arbeit zudem mit Humor, einmal mehr putzig: mit viel Selbstironie – stöhn! – geschlagene zwei Stunden Krach, unterbrochen nur von wenigen Ruhepause. Mein Gott, was Zuschauer heute so alles aushalten. Ja, sie machen ihre ohrenbetäubende Arbeit wie vom Zeitgeist verlangt: cool. Das gilt besonders für Konflikte, die immer wieder zwischen unseren Helden hochkochen, aber, als sei das nichts, ohne viel Federlesen gelöst werden. Gefühle der rührseligsten Art kommen natürlich dabei nicht zu kurz, noch während all dieser Ballerei und besonders kurz vor dem Abspann nach dem bombastischen Showdown.

Um die Zuschauer nicht doch noch zu entnerven, wird es zwischendurch auch mal ruhig und, so ganz doof will man seine Helden denn doch nicht, gar bibelfest: Die Rache ist mein, sprach der Herr, hört man den Killer aus dem Kopf zitieren. Solange könne er, das Herz beim Morden stets auf dem rechten Fleck, nicht warten und verpasst einem Bösewicht, der seinen Vater, Pastor von Beruf, ermordet auf dem dem Altar liegen ließ, mal eben ein Genickschuss von hinten. Gleich darauf gibt’s wieder was zu lachen.

Am Ende wird der hauptverantwortliche endlich wehrlose Bösewicht, so will es die Gerechtigkeit, sehenden Auges liquidiert; cool: zuvor schießt der geläuterte Killer dem Ex- Diktator ins Knie. Mörderische Schmerzensschreie sowie höllisches Gelächter. Dann zielt der Killer, während er nicht aufhört zu lachen, mit seiner Pistole auf die Stirn, um ihn ganz cool vom Dach eines Hochhauses in den Abgrund zu stoßen. Wunderbar. Endlich ist die Welt wieder in Ordnung. Ausgelassenes Leben, Liebe und Humor triumphieren endlich ganz ohne Gewalt. Wie unterhaltsam. Auch wenn der eine oder andere Action-Experte an der Action-Technik so manches auszusetzen haben mag; nicht nur Jugendliche,  auch im regressierenden Erwachsenen weht ein infantiler Zeitgeist, den der Film mit seinem unterirdischen Humor repräsentiert, durchs Gemüt.

Mein Gott, es ist doch nur ein Film. Muss man ihn so ernstnehmen? Ich denke, sollte man. Denn es ist ein Film, der auf seine Weise den gesellschaftlichen Kontext auf übelste Weise, einer Gehirnwäsche gleichkommend, politisiert. Eine zentrale Funktion kommt dabei, obwohl nur in einer Nebenrolle abgebildet, dem Ex-Diktator zu, der über eine Heerschar mörderischer Spießgesellen verfügt, die sich so vorhersehbar wie willenlos abschlachten lassen. Ihren Anführer möchte der Filmemacher indes genüsslich liquidiert sehen. Wer will sich da noch über die Regime-Changes der Amerikaner aufregen? Kein Problem, mag der Zuschauer denken.

Es gibt leider nur verhaltene Kritik etwa auf “filmstarts.de”, für die der Film, welch messerscharfe Kritik, lediglich ein „haarsträubendes Abenteuer“ ist und eben keine Gehirnwäsche zur zunächst symbolischen Rechtfertigung haarsträubender Abreaktionen, die das Erziehungs- und Beziehungsverhalten immer mehr prägen, resp. die Konflikt- und Beziehungsfähigkeit  untergraben. Es könnte gut sein, dass immer mehr Menschen überfordert reagieren, wenn sie sich in ihrem Alltag mit wirklichen Konflikte konfrontiert sehen, die sich für gewöhnlich eben nicht auf immerzu coole Weise lösen lassen. Hier scheitern immer mehr Menschen sehr real und schmerzhaft. Zu oft bleibt ihnen nur, sich regressiv im Verarbeitungs-Modus der Abreaktion am Kommunikationspartner schadlos zu halten. Halt so, wie Trump sich von Zeit zu Zeit an Menschen und der Welt abreagiert, um sich wohl zu fühlen. Tatsächlich ist der nur die Spitze des Eisbergs.

 

Inxeba Die Wunde (Südafrika/BRD/Fr./NL 2017, Kinostart 14.09.2017)
Regie: Nikolaj Arcel
Besprechung von Franz Witsch
Hamburg, 11.08.2017

Der junge Teenager Kwanda (Niza Jay Ncoyini) vom Stamm der Xhosa, nicht weit von Johannesburg, soll sich dem blutigen Initiations-Ritual, einer Beschneidung am Penis, unterziehen, um in den Kreis der Männer aufgenommen zu werden. So will es sein Vater, obwohl er als Bewohner von Johannesburg mit ländlichen Konventionen und Gewohnheiten nicht mehr viel im Sinn haben dürfte. Allein er glaubt, dass die Beschneidung aus seinem in sich gekehrten, allzu weichen Jungen einen richtigen Mann machen kann. So erklärt er es seinem Neffen Xolani (Nakhane Touré), der Kwanda nach seiner Beschneidung, die eine schmerzhafte Wunde hinterlässt, einige Wochen betreuen soll, bis die Wunde vollständig ausgeheilt ist.

Dabei ist auch Xolani ein nachdenklicher Typ, der sich im Kreis der anderen Betreuer eher unwohl fühlt, über das Initiationsritual zumindest mit gemischten Gefühlen nachdenkt, das er einst selbst über sich ergehen lassen musste; auch weil er schwul ist und Vija (Bongile Mantsai), einen weiteren Betreuer, liebt. Sie müssen ihre Liebe in einer äußerst homophoben Umgebung im Geheimen ausleben.

Rituale haben die Funktion, Gefühle zu kanalisieren, indem sie sie vergegenständlichen, auf sich ziehen, etwa im Falle des Initiationsrituals die Frauen von den Männer mental und räumlich abzusondern, sodass sie von den Männern in einer von Männern dominierten Gesellschaft als prestigeträchtigen Besitz betrachtet werden können.

Allerdings gelten Rituale und Konventionen auf dem Lande durch den Einfluss einer mehr libertären städtischen Lebensweise lediglich in gebrochener Form. Diese bringt der junge Kwanda, selber schwul, in die Gruppe der “angehenden Männer” uneingestanden, kaum merklich ein und trägt damit ein Stück weit, ohne es zu ahnen, zum Gegensatz zwischen Stadt und Land bei, der sich teilweise vielleicht wie folgt beschreiben lässt:

In lediglich gebrochener Form vermag das Ritual schwule Impulse nicht mehr umfänglich und sehenden Auges zu ächten, sodass sie sich auf dem Lande nach dem Model städtischen Lebens einer so indifferenten wie wirksamen Diskriminierung ausgesetzt sehen. Eine kontrollierte, durch ungebrochene Rituale verbürgte Auseinandersetzung mit schwulen Impulsen ist damit ausgeschlossen, bzw. in die Verantwortung des einzelnen, sozial ungebundenen und deshalb komplett überforderten Subjekts gestellt. Das setzt den Schwulen auf dem Lande, wo jeder jeden kennt, noch mehr unter Druck als in der Stadt, wo schwule Impulse leichter im Geheimen ausgelebt werden können, was ihrer Diskriminierung allerdings keinen Abbruch tut, die in Ausdrücken wie “Schwuchtel” etc. zum Ausdruck kommt.

Einen Gefühlsimpuls ritualisiert zu ächten schließt ein, dass man sich mit ihm (noch) auseinandersetzt, ihn in bestimmten Lebensbereichen und zu bestimmten Lebenszeiten akzeptiert, vielleicht sogar rituell praktiziert. Das scheint unter dem Einfluß städtischen Lebens ausgeschlossen. Der schwule Impuls wird umfänglich zu einem kranken und/oder abartigen Impuls, zu einem Gefühl, das mit Schuld aufgeladen wird, weil es auf keinen Gegenstand mehr zu verweisen vermag, es sei denn auf sich selbst. Das könnte vielleicht mikro-faschistische mentale und soziale Strukturen zur Folge haben, die in städtischen Massengesellschaften in den Faschismus münden können, wenn diese ihre Sündenböcke für Prozesse sozial-ökonomischer Verelendung suchen und finden im Bestreben des Einzelnen, im Kontext eines Rituals der Massen schmerzhafte Gefühle endlich einmal uneingeschränkt und ohne Schuldgefühl gegenständlich, am Sündenbock, abzureagieren.

Der Film zeigt, wie mikro-faschistische Impulse unter den drei schwulen Männern entstehen: Der jüngere Kwanda, noch ein Teenager, leidet unter seinen schwulen Impulsen ungleich mehr als sein älterer Betreuer Xolani. Als er diesen mit seinem noch älteren Freund Vija bei der Liebe “erwischt”, brechen Konflikte offen und in der Tendenz unversöhnlich aus. Sie mögen allgegenwärtig sein, auch immer verbunden mit kleinen Gewaltexzessen, die allerdings im Gruppenleben der Männer einer Kontrolle noch zugänglich sind. Diese Kontrolle ist unter den drei schwulen Männern ernsthaft bedroht. Das bringen die Schauspieler auf einfühlsame und anrührende Weise zum Ausdruck. Prädikat: besonders wertvoll!

 

Der Dunkle Turm (USA 2017, Kinostart 10.08.2017)
Regie: Nikolaj Arcel

Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 05.08.2017
Der elfjährige Jack  (Tom Taylor) soll in die Psychiatrie, träumt er doch ständig von einem schwarzen Mann (Matthew McConaughey), den er zum Entsetzen seiner Eltern für real hält, den er in grau bis schwarz gefärbten Zeichnungen festhält. Er verkörpert für Jack alsbald das ganz und gar Böse. Vielleicht dass er es ist, der die zahlreichen Erdbeben bewirkt? Ohne dass seine Mitmenschen Jack begreifen, stellt sich für ihn heraus: Der schwarze Mann hat, unterstützt von einer Armee von Menschen der ganz fiesen Art, nur eins im Sinn: er will Tod und Terror über die Erde bringen, indem er den dunklen Turm zerstört, der die verschiedenen Welten des Universums, so auch Jacks Erde, im Innersten zusammenhält. Durch geheimnisvolle Portale gelangen fiese Wesen zur Erde, um sich unschuldiger Menschen zu bemächtigen, mit denen sie Böses im Schilde führen. Nur Jack merkt mit seherischen Fähigkeiten, eine Art automatische Gesichtserkennung, dass sie böse Absichten verfolgen. Das versucht er mit Hilfe von Roland (Idris Elba), einem Revolvermann, der wiederum als letzter Kämpfer gegen das Böse einer anderen guten Welt entstammt, zu verhindern. Dazu müssen beide zunächst jede Menge böser Wesen, Menschen zum Verwechseln ähnlich, über die Klinge springen lassen, mit Kugeln aus Schnellfeuer-Revolvern, die über das Herz des Schützen ihre Ziele todbringend erreichen. Klar, dass bei diesem Kampf um Sein oder Nicht-Sein Gefangene nicht gemacht werden. Derweil ahnen die Menschen auf der Erde nicht, dass sie im Geheimen beschützt werden, mein Gott! – nicht einmal, dass sie beschützt werden müssen, geschweige wer ihre Erde am Ende vor dem Untergang bewahrt.

Rock My Heart (BRD 2017, Kinostart 28.09.2017)
Regie: Hanno Olderdissen

Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 04.08.2017
Ein schöner wie stark anrührender Film, nicht auf die “billige” Art, der jede vergossene Träne wert ist; den Schauspielern sei es gedankt. Ausgesprochen präsent: Dieter Hallervorden als greiser Rennpferd-Trainer (Paul) und Anna Lena Klenke als junges herzkrankes Mädchen (Jana), das sich gegen jede Vernunft von Paul zum Jockey ausbilden lässt, um ein anstehendes Galopprennen bestreiten zu können, vor allem aber zu gewinnen.
Weder besorgt-hysterischen Eltern wissen etwas von Janas lebensgefährlichem Training noch weiß Trainer Paul, dass Janas Leben beim Training auf dem Spiel steht. Ihren nicht weniger herzkranken Freund Samy (Emilio Sakraya) setzt sie allerdings ins Vertrauen.
Insgesamt sind Qualität und Unterhaltungswert des Films hoch, weil Konflikte nicht rührselig glatt gebügelt, sondern ausgetragen werden. Ins Bild passt, dass der Film ohne uneingeschränktes Happy-End auskommt; sodass Kinder sich emotional und geistig in Anspruch genommen fühlen und, last not least, Erwachsene endlich mal ohne schlechtes Gewissen ihre Gefühle ausleben können.

Das ist unser Land (Fr/Bel 2017, Kinostart 24.08.2017)
Regie: Lucas Belvaux

Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 27.07.2017
Der Film beschreibt soziale Strukturen, welche die in sie involvierten Helden und Heldinnen in massive Konflikte zueinander bringen, ohne dass sie diese recht begreifen. Das schließt ein, dass sie die Konflikte zwar realistisch in sich heraufziehen und auf sich zukommen sehen, indes ohne in sich stimmige Strategien der Konfliktlösung verinnerlicht zu haben.
Das Problem besteht vermutlich darin, dass sich alles auf der Ebene der Gefühle abspielt, ohne dass den Figuren klar wird, dass das allein nicht ausreicht; zunächst um Konflikte innerlich zu verarbeiten, um sich sodann auf dieser Grundlage um sozialverträgliche Lösungen zu bemühen. Das trifft beispielhaft auf den Konflikt zu, den Pauline (Émilie Dequenne), leidenschaftlich Krankenschwester und Mutter zweier Kindern, mit ihrem Vater Jacques (Patrick Descamps) austrägt.
Vater Jacques blickt auf eine kommunistische Vergangenheit zurück. Als Pauline ihm beichtet, dass sie sich vor den Karren einer rechtspopulistischen Partei hat
spannen lassen, regt er sich mächtig auf. Allein er regt sich “nur” auf. Zwischen Tochter und Vater prallen wildfremde Welten aufeinander, die beide versuchen, im Gefühl
gleichzuschalten. Ein wirklicher d.h. unaufgeregter Austausch findet nicht statt. Das erforderte analytische Substanz, die allein nur im Austausch von Gefühlen nicht aufgeht. Auf diese sind die Figuren reduziert, ohne zu gewahren, dass sie in soziale Strukturen involviert sind, die zu analysieren sie nicht gelernt haben. Sie werden als gegeben hingenommen; Konflikte in ihnen ausschließlich einzelnen Subjekten, dem Bösen in ihnen, zugeschrieben. Das  ist exakt das, was überfordert. Das zeigt der Film nicht explizit. Aber er ist auf diese Weise interpretierbar; deshalb äußerst sehenswert.

Die beste aller Welten (Österreich/BRD  2017, Kinostart 28.09.2017)
Regie: Adrian Goiginger
Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 25.07.2017
Der Film beschreibt soziale Strukturen extremer Verwahrlosung aus dem Drogenmilieu, für das es  Hilfseinrichtugen gibt, die indes nur begrenzt weiterhelfen. Alle Beteiligten sind überfordert. Mittendrin ein siebenjähriger Junge (anrührend: Jeremy Miliker) mit seiner drogensüchtigen (alleinerziehenden) Mutter (Verena Altenberger). Man mag sich fragen: wer hier wen vor dem Schlimmsten bewahrt? Der Junge seine Mutter oder die Mutter ihren Jungen.

The Circle (USA/VAE  2017, Kinostart 07.09.2017)
Regie: James Ponsoldt
Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 25.07.2017
Der Film zeichnet die Schattenseiten der Totalüberwachung durch das Internet leider nur  holzschnittartig nach und verspielt damit allzu fahrlässig ein wichtiges Thema. Vermutlich ist Tom Hanks (Hauptdarsteller und Produzent) dem Thema nicht gewachsen. Recht unterhaltsam sein letzter Satz: “Wir sind am Arsch”.

hlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?
(BRD/Niederl. 2017, Kinostart 19.10.2017
)
Regie: Lola Randl
Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 19.07.2017
Komödie um eine Therapeutin (Lina Beckmann), die ihren Mann (Charly Hübner) betrügt. Das macht sie mithilfe einer Doppelgängerin, die plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht. Mit ihr zusammen ergeben sich allerhand Irritationen; ha, ha,.. Komödie geht anders; so auf keinen Fall: Sie und ihr Geliebter speisen in einem Restaurant. Er, gerade geil, möchte ihr auf Toilette sein Sperma ins Gesicht spritzen. Sie stimmt etwas pikiert zu. Frauen sind ja so anders, fast wie Männer. Nur eine von vielen dämlichen Sequenzen, die den Film nervenaufreibend in die Länge ziehen. Beim Abspann lässt, oh Wonne, der Schmerz  nach. Mir unerfindlich, wie man an diesem Film etwas gut finden kann. Die schnellen Wechsel und Verwicklungen, so www.Kino-Zeit.de, seien hervorragend inszeniert.

Dunkirk (USA/GB/Frankr. 2017, Kinostart 27.07.2017)
Regie: Christopher Nolan

Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 19.07.2017
In “Dunkirk”, zu deutsch “Dünkirchen”, möchte Nolan
wie damals schon Steven Spielbergs “Saving Private Ryan” (1998) – dem Zuschauer bedeuten, dass die Welt ohne den “guten” Soldaten schlechter aussehen würde. Die Fakten sprechen in der Tat eine deutliche Sprache: Es wäre geradezu abenteuerlich zu leugnen, dass Nazis und faschistische Japaner ohne große Kriegsanstrengungen besiegt worden wären. Dafür sei den Amerikanern, Engländern und Russen gedankt. Doch muss man gerechte Kriege in einer historischen Ausnahmesituation in allzu pathetischen Bildern erzählen? “Dünkirchen” von Paul Dufour und Henri Verneuil aus dem Jahr 1964 mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle, der die gleiche historische Geschichte wie Dunkirk erzählt, hatte es nicht nötig, den Zuschauer mit großen Gefühlen aus dem Kino zu entlassen. Das machte den Film interessant; weil er mit seinem gebrochenen, fragwürdigen Helden die analytischen Fähigkeiten des Zuschauers belebte. Das leisten die heutigen Kriegsfilme (übrigens auch Actionfilme ganz generell) gar nicht mehr. Lieber produziert man mit aller Gewalt in realitätsnahen Bildern (so viel Technik muss sein) die gleichwohl realitätsblinde Vorstellung von einem heldenhaften Soldaten, der sich für eine bessere Welt opfert. Und warum? Um heutige Kriege in einem humanen Licht erscheinen zu lassen.

rper und Seele (Ungarn 2017, Kinostart 21.09.2017)
Regie: Ildikó Enyedi

Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 12.07.2017
Auf der Suche nach Liebe geht die Autistin Mária (Alexandra Borbély) gewissenhaft, ja strategisch vor, so wie sie ihre alltägliche Arbeit in einer Fleischfabrik zunächst erlernt hat, um sie dann übergenau zu bewältigen. Am Ende gelingt ihr ein liebevoller Zugang zu Endre (Morcsányi Géza). Wie, das zeigt die Filmemacherin fehlerlos und deshalb auf extrem berührende Weise. Man könnte meinen, der Berlinale-Gewinner erzählt die Geschichte einer Rekonstruktion eines Gefühls, wie um zu zeigen: es gibt einen Unterschied zwischen Empathie und Gefühl. Das empathische Interesse (zu...) braucht das “Fühlen” nicht, schon gar nicht das große rührselige Gefühl, kann indes Gefühle, etwa in Gestalt von Zuneigung zu einem anderen Menschen, nach sich ziehen, während Gefühle zu Menschen – wie in unserer Gesellschaft üblich und “politisch gewollt” – ganz ohne empathische Fähigkeiten erzeugt werden können, sodass sie nicht nachhaltig positiv erlebt werden, etwa wenn sie sich in Gleichgültigkeit oder Hass und Gewalt verwandeln.

Terminator 2 im 3D-Format (USA 1991, Kinostart 29.08.2017)
Regie: James Cameron

Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 10.07.2017
Der Kultfilm “Terminator 2”, gedreht 1991, kommt in restaurierter Form, zudem in 3D neu in die Kinos. Nicht nur technisch setzte er Maßstäbe; auch inhaltlich nahm er die heutige Zeit vorweg; dies zu einem Zeitpunkt,  als man kurz nach der Wende auf friedlichere Zeiten hoffen durfte. Welch ein Irrtum: Heute leben wir im permanenten Ausnahmezustand, in dem rechtsstaatliche Werte immer mehr unter die Räder kommen. Dafür regiert man ohne Sinn für problemorientierte Analyse auf der Basis von Instinkten und Gefühlen die Welt. Die ist eigentlich ganz ok, wenn es das Böse nicht gebe. Mit dem Feind bekommt der Tag Struktur. Den gilt es zu terminieren,  mit Mord und Totschlag – wie sonst?, im Film ästhetisch in Szene gesetzt, begleitet von Rührseligkeiten, um in einer Art Gehirnwäsche wachsende Gewaltbereitschaft im Gemüt des Zuschauers zu verankern. Der weiß am Ende nicht wie ihm geschieht; völlig besoffen findet der den Film einfach nur hervorragend.

Paris barfuß (Frankreich 2017, Kinostart 07.09.2017)
Regie: Dominique Abel und Fiona Gordon

Monsieur Pierre geht Online (Frankr/Bel 2017, Kinostart 22.06.2017)
Regie:  Stéphane Robelin

Kurzbesprechungen von Franz Witsch
Hamburg, 03.07.2017
Zwei Komödien mit Pierre Richard: Paris barfuß schleppt sich mit skurrilen Momenten etwas zu aufdringlich putzig dahin, nicht richtig zum Lachen, anstrengend: Fiona (Fiona Gordon), eine in die Jahre gekommene Kanadierin, sucht in Paris ihre fast neunzigjährige Mutter (Emmanuelle Riva) und trifft dabei auf einen Obdachlosen (Dominique Abel), der ihr bei der Suche keine rechte Hilfe ist, der ein wenig so aussieht wie Pierre Richard, der in diesem Film nur in einer Nebenrolle etwas blöde aus der Wäsche schauen darf. In
Monsieur Pierre geht Online darf er das nach Herzenslust, sehr unterhaltsam, so wie man ihn in jungen Jahren, z.B. in Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh, kennt. Hier spielt er einen greisen Schwerenöter, zunächst wider Willen, eine Rolle, an der er allerdings bald Geschmack findet, und von der er – zum staunenden Leidwesen seiner Umgebung – nicht mehr loskommt.

Leanders letzte Reise (BRD 2017, Kinostart 21.09.2017)
Regie: Nick Baker-Monteys

Kurzbesprechung von Franz Witsch
Hamburg, 20.06.2017
Vergangenheitsbewältigung der richtig guten Art eines 92-jährigen ehemaligen deutschen Wehrmachtoffiziers (Jürgen Prochnow) auf seiner Reise durch die Ukraine zusammen mit seiner Enkelin (Petra Schmidt-Schaller), die sich ihm aufdrängt. Extrem anrührend ohne die Spur von Rührseligkeit. Hervorragend nicht nur Dank Jürgen Prochnow. Unbedingt sehen!

Sieben Minuten nach Mitternacht
(GB/Spanien/USA/Kanada 2016, Kinostart 04.05.2017)
Regie:
Juan Antonio Bayona
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 17.05.2017

Eine überwältigende Fantasy-Geschichte des Spaniers Juan Antonio Bayona, der auf die Romanvorlage und dem Drehbuch von Patrick Ness zurückgreift. Ein Glücksgriff, düster und sehr bewegend. Der 13jährige Conor O'Malley, ein stiller, kreativer Außenseiter wird bald seine krebskranke Mutter verlieren. Da wird eines Tages eine uralte Eibe lebendig und hilft ihm. Coming-of-Age-Film - ungewöhnlich und unter die Haut gehend.

Die nordenglische Landschaft wirkt ruhig und beschaulich, aber ist im Untergrund dagegen alles andere als das. In diesen Gegensatz zwischen Idylle und Urgewalt rutscht der kleine Conor O'Malley (Lewis MacDougall). Er weiß es nur noch nicht. Der 13jährige Schüler ist ein stiller, kreativer Junge, der unter Mobbing seiner Mitschüler leidet, dessen Vater in Kalifornien lebt, und der bald seine Mutter (Felicity Jones), bei der er noch wohnt, verlieren wird. Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt. Conor muss zu seiner strengen Großmutter (Sigourney Weaver) ziehen, nachdem seine Mutter im Krankenhaus liegt.

Plötzlich wird Conors Leben durch ein einschneidendes Erlebnis durcheinander gewirbelt.

ine uralte Eibe wird lebendig. Jetzt bewegt sich die Geschichte in ein Fantasy-Märchen, das kann gutgehen, oder auch nicht. Hier können wir uns auf ein aufregendes, packendes und unter die Haut gehendes Erlebnis einlassen. Es lohnt sich. Besonders auf einer großen Leinwand.

Alles berstet, kracht und brennt, wenn das Baum-Monster auf Conors Fenster zukommt. Die Originalstimme stammt übrigens von Liam Neeson. Conor fragt ihn, was er eigentlich von ihm wolle. Anders herum, antwortet die Eibe. Der Junge will etwas von ihm. Nämlich drei Geschichten, jeden Tag eine, Geschichten vom Leben und wie man damit zurecht kommt. Die vierte Geschichte muss Conor erzählen – und zwar die Wahrheit.

Lehrreiche Parabeln sind das – Coming-of-Age auf gänzlich andere Art. Conor auf einer großen emotionalen Achterbahn, ständig mit seinen Ängsten und seiner Verzweiflung konfrontiert – aber dem eigenen Selbst immer näher kommend. Die alte Eibe – längst ein vertrauter Freund – gibt ihm den nötigen Halt, um seinen inneren Frieden zu erreichen: Endlich loszulassen oder die Versöhnung mit dem unausweichlichen Tod anzunehmen.

Herzzerreißend und fesselnd wird dies erzählt. Sehenswert.

 

Zu guter Letzt (USA 2017, Kinostart 13.04.2017)
Regie:
Mark Pellington
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 08.05.2017

Shirley-McLaine-Fans und Verehrer dürften sich freuen. Die große Actrice zieht es wieder einmal auf die Leinwand. Und das dürfte das einzig Positive sein, das „Zu guter Letzt“ zu Gute kommt. Das Muster der Dramaturgie wird schnell deutlich. Es ist wie ein Spaziergang am Meer, die Wassertemperatur ist angenehm, aber es ist sehr flach. Tiefgang ist bedauerlicherweise weit und breit nicht vorhanden. Mark Pellingtons („Arlington Road“) neues Werk tut zumindest niemandem weh. Nette Unterhaltung für die derzeitigen kühlen Abende.

Von alten Männern, die misanthropisch geworden einsam in ihrer Hütte wohnen, ist schon oft genug erzählt worden. Irgendwann öffnet sich doch sein Herz. Also kein schlechter Mensch. Dieser Fisch ist also längst gelutscht, wie man so schön im Norden sagt.

Eine Frau für solch eine Rolle besetzen, ist demnach keine schlechte Idee. Filme dieser Art sind noch eher eine Rarität. Und Shirley McLaine in der Hauptrolle – da kann eigentlich nichts schiefgehen. So war das Stück geplant.

Doch herausgekommen ist außer dem guten Willen – nichts Mitreißendes, keine innere Spannung, Übertreibungen, abseitige Dialoge, nur ab und zu ein Highlight und die Vergeblichkeit von Amanda Seyfried, gegen ihre charismatische Partnerin Boden gut zu machen.

McLaine verkörpert eine ehemalige, erfolgreiche Geschäftsfrau, die eine Werbeagentur betrieb. Jetzt ist Harriet Lauler gealtert, alleine lebend, ein Biest ohnegleichen, das noch zu ihren Lebzeiten ihren Nachruf fertig haben will. Angemessen versteht sich. Einfach der optimale Nachruf. Ihr Problem: Niemand ist bereit, etwas positives beizusteuern. Sogar ihre erwachsene Tochter Elizabeth (Anne Heche) nicht. Keiner, auch der Gärtner nicht. Also engagiert sie die junge Journalistin Anne (Amanda Seyfried) dafür. Die etwas verzagte Nachwuchs-Autorin hat natürlich auch nichts zu lachen.

Jetzt schleicht sich das Wunder ein. Es muss ja irgendwie kommen. Harriet wandelt sich allmählich, sukzessive von der verbalen Giftspritze in eine umgängliche Frau, die sich für ein kleines, afroamerikanisches Mädchen einsetzt und einen Job als DJane für einen kleinen Soulsender annimmt – natürlich ohne Bezahlung. Musikbegeisterte, die ein paar Dollar brauchen, haben das Nachsehen.

Die positiven Wendungen gegen Schluss wirken aufgesetzt und unglaubwürdig. Einzig Fans von analogen Plattenspielern werden ihre Freude haben. Da weiß man, was man hat.

 

Gimme Danger (USA 2016, Kinostart 27.04.2017)
Regie:
Jim Jarmusch
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 04.05.2017

In der internationalen Rock-Szene gibt es nicht mehr viele Musiker, die bis jetzt überlebt haben. Ein gewisser James Osterberg gehört dazu. Der Name wird vielleicht nicht jedem etwas sagen – dagegen der Künstlername Iggy Pop schon etwas mehr. 1967 sorgte das musikalische Enfent Terrible für den grossen Knall – die Geburtsstunde des Punk. Jim Jarmusch,  Liebling der Independent-Filmfans, hat diesem, inzwischen 70-jährigen Getriebenen, ein filmisches Denkmal gesetzt.

Die Beiden kennen sich schon lange. Iggy Pop hat bereits zwei Kurzauftritte in Jarmuschs „Coffee and Cigarettes“ und „Dead Man“ absolviert. Nun wird er in dem Doku-Projekt „Gimme Danger“ porträtiert. Das ist als Gespräch mit eingebauten Konzert-, privaten Mitschnitten und Interviews konzipiert.

Iggy Pop kann jovial plaudern, mit seiner recht knarzigen Stimme unterhalten. Langweilig ist das nicht, es wirkt gelassen. Besonders weil er so viele Anekdoten kennt. Der Mann aus Michigan, in einer Wohnwagensiedlung groß geworden, hat schon früh für Unruhe in der Umgebung gesorgt – mit seinem Schlagzeug.

Später orientiert er sich in Chicago an den großen Blues-Virtuosen. Alles für seine musikalische Basis, Neugierde und das entsprechende Feeling sind wichtig gewesen. Aber Neugierde und der Drang, etwas vollkommen neues zu kreieren, führen zu einer Haltung, die noch keiner wahrgenommen hat. Mit seiner neuen Band den „Stooges“ verwirrt und stimuliert er das Publikum.

Der nackte Oberkörper wird zum Markenzeichen des Herrn Osterberg, den kann er winden, biegen, wie eine Schlange. Er hüpft, tanzt ganz wild und stürzt sich von der Bühne in die Menge. Entsprechend wild und laut ist auch die Rockmusik von den Stooges. Diese Art ist als revolutionär zu bezeichnen, für die 60er Jahre jedenfalls. Dazu kommt vermehrt der Drogenkonsum – alles was es so gibt. Das führt zu zeitweiligen Trennungen der Band.

Aber Geld ist für sie gar nicht so wichtig gewesen. Davon erzählt der mittlerweile alte Herr gelassen und entspannt. Manche Alben haben sich auch ganz gut verkauft. Mit seinen Kollegen hat er immer recht gut zusammenarbeiten können.  Er mag es, im Team zu arbeiten. Und beeinflusst haben sie schließlich die ganze Punkbewegung.

Ein interessantes, lebendiges Zeitdokument ist Jarmuschs Film geworden. Auf der einen Seite die Hippie-Musik – auf der anderen Seite die harten Gegenschläge der Stooges. Nur vereinnahmen will sich James Osterberg alias Iggy Pop von niemandem. Trotzdem sind sie irgendwie Kommunisten gewesen, betont er, zumindest einige Jahre. Sie hätten immerhin damals alles miteinander geteilt.

 

The Founder (USA 2016, Kinostart 20.04.2017)
Regie:
John Lee Hancock
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 02.05.2017

John Lee Hancock ist bekannt für seine Aufsteiger-Geschichten im US-Kapitalismus. In seinem neuen Werk erzählt er vom rasanten Erfolg des Hamburger-Grillers McDonald's in den 50er-Jahren. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Kehrseite des sogenannten amerikanischen Traums nicht außer acht gelassen wird und dies mit einer satten Portion Sarkasmus. Der rastlose Handlungsreisende Ray Kroc mit dem unstillbaren Hunger nach Geld und Erfolg wird von Michael Keaton verkörpert.

Der passende Film zum Amtsantritt von Donald Trump. Dafür musste Harvey Weinstein die US-Premiere gleich viermal verschieben.

Es geht schließlich um einen ökonomischen Leuchtturm des American Way of Life, um den Hamburger-Griller McDonald's. In der Tat heißen die Hamburger-System-Erfinder Dick und Mac McDonald, die im kalifornischen San Bernadino ein hocheffizientes Bratsystem entwickelt haben. Zwei Tüftler, die ein beinahe industrielles Zubereitungsverfahren auf wenige Quadratmetern konzentrieren. Deshalb kann der Kunde in kürzester Zeit seinen eingepackten Hamburger mitsamt Pommes Frites und Softdrinks genießen. Die Qualität muss dabei immer gewährleistet sein. Der Begriff Fast Food ist geboren. Und die Kunden sind begeistert, haben sie doch bis dahin Barbeque oder andere Spezialitäten nur mit langen Wartezeiten konsumieren können. Hier dauert das 30 Sekunden pro Kunde.

Wir befinden uns mit den fünfziger Jahren in der Hochphase des Nachkriegskapitalismus. Die steigende Gier nach mehr Geld, Erfolg und Konsum treibt Menschen um. Einer dieser Umtriebigen ist der Milchshake-Mixer-Vertreter Ray Kroc. Einer der ständig grinst, was auf Dauer nervt. Aber einer, der trotz seiner Rührigkeit keinen Erfolg mit den Mixern hat.

Plötzlich wird er hellwach, eine Bestellung von gleich mehreren Geräten erreicht ihn aus Kalifornien. Nichts wie hin, denkt Ray Kroc und staunt nicht schlecht über den Andrang am Schnellimbiss der McDonalds Brüder. Fiebrigkeit überall, bei den Machern und den Konsumenten. Und ausgeklügelte Effizienz. Da fehlt noch etwas Wichtiges – der perfekt gemanagte Vertrieb. Kroc hat schon eine Idee: Franchise. Damit kann man national wie international expandieren. Nur gehen Dick und Mac McDonald Risiken lieber aus dem Weg, zu bodenständig sind sie und zu bedächtig. Das lässt Ray Kroc die Franchising-Rechte an sich zu reißen und für sich zu sichern. Endlich steht der ganz große Coup vor der Tür, dem er sein Leben hinterher gerannt ist.

Wenn man vielleicht anfangs noch ein wenig Sympathie für den strampelnden Handels-Vertreter übrig hat, so ändert sich das nun mit der Verwandlung in einen skrupellosen, zwielichtigen Scharlatan. Die McDonalds-Brüder steigen ab zur Bedeutungslosigkeit. Wenigstens ihr Name bleibt noch über dem weltumspannenden Fast-Food-Imperium.

Der Gipfel der Großmannssucht  ist die Titulierung „The Founder“, den Ray Kroc sich gegeben hat. Gründer ist nicht er, sondern nach wie vor Dick und Mac McDonald. Der Sarkasmus des Films ist eben das Sprachmittel, das den brutalen Wirtschaftsdarwinismus des amerikanischen – expandiere oder verrecke – Systems am besten pointieren kann.

 

Ein Dorf sieht schwarz (Frankreich 2016, Kinostart 20.04.2017)
Regie:
Julien Rambaldi
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 28.04.2017

Sympathische Culture-Clash-Komödie aus Nordfrankreich. Ein kleines Dorf sucht in den 70er Jahren verzweifelt einen Arzt. Seyolo Zantoko, ein frischgebackener Arzt aus Zaire, der in Lille studiert hatte, erklärt sich bereit dazu. Wenn die verbohrt-konservativen Einwohner nur nicht wären. Der tägliche Rassismus ist das größte Hindernis für eine breite Akzeptanz. Wie die afrikanische Familie die Alltagstücken allmählich überwinden kann, erzählt der Film auf humorvolle Art, kurzweilig, aber leider immer noch aktuell und auf tatsächlichen Ereignissen beruhend.

Seyolo Zantoko hat sein Medizin-Examen bestanden und sucht eine Praxis in Frankreich. Das Angebot, in seiner Heimat Zaire als Leibarzt für Mobutu zu arbeiten, lehnt er entrüstet ab, zu korrupt sei der Präsident und als grausamer Diktator verschrien. Da bekommt er auf der Abschlussfeier an der Uni Lille von einem Dorfbürgermeister die Offerte, als Landarzt im Norden Frankreichs zu arbeiten.

Besser als nichts, denkt er und sagt zu. Seiner Familie, die immer noch in Zaire wohnt, erzählt Seyolo, Paris würde gar nicht so weit entfernt sein. Sie sollen ja nachkommen, und seine Frau denkt an ein mondänes Leben in der französischen Hauptstadt.

Das Problem: Die Dorfbewohner haben noch nie einen Schwarzen gesehen. Außerdem gibt es dort mehr Kühe als Menschen. Dem Bürgermeister ist das egal, Hauptsache, er kann seinen Mitbürgern einen leibhaftigen Doktor präsentieren. Natürlich hätte er sonst bei der baldigen Bürgermeisterwahl keine Chance mehr.

Ein weiteres Problem: Seyolos Familie erlebt den totalen Culture-Clash. Seine Frau und die beiden Kinder kommen bei strömenden Regen an. Die graue Tristesse schockiert. Und der Eiffelturm ist auch nicht in der Ferne zu sehen. Die ganze Malaise wird schließlich von der Fremdenfeindlichkeit, dem Rassismus getoppt.

Da sind zum einen die Vorurteile, Mißverständnisse, die Intoleranz und Klischees, mit denen Regisseur Julien Rambaldi spielt, getreu der Rezepte für abendfüllende Komödien, die in den letzten Jahren auch hierzulande Kasse gemacht haben. Alles etwas süß angerührt und schließlich sind die sturen und fremdenfeindlichen Bauern doch auch mit einem gutmütigen Herzen ausgestattet.

Es ist natürlich positiv, auf Humanismus zu pochen und dem eine Chance zu geben. Wenn man die Welt real so inszenieren könnte. Die Handlung dieses Films beruht tatsächlich auf den Erinnerungen von Seyolo Zantokos Sohn Kamini, der sich als Rapper einen Namen gemacht hat.

Aber schaut man heute auf  Wahlergebnisse, insbesondere bei den letzten Regionalwahlen in Nordfrankreich, so wird einem bei 40 Prozent für den rechtsextremen Front National doch etwas anders zumute.

 

Verleugnung (GB/USA 2016, Kinostart 13.04.2017)
Regie:
Mick Jackson
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 25.04.2017

Der britische Journalist David Irving gehört zu den schlimmsten Holocaust-Leugnern, Geschichtsklitterern, Rassisten und Antisemiten. Bei Neonazis im In- und Ausland nach wie vor als Redner und Autor willkommen, „Fake News“ lassen grüßen, versuchte er Ende der 90er Jahre die US-Historikerin Deborah E. Lipstadt in einem Verleumdungsprozess zu diskreditieren. Der Justizfilm von Mick Jackson hält sich überwiegend an den Prozessverlauf und produziert daraus die Spannung. Mit Rachel Weisz, Timothy Spall und Tom Wilkinson erstklassig besetzt.

Deborah E. Lipstadt ist Professorin für Jüdische Zeitgeschichte an der Emory University in Atlanta/Georgia und hat in ihrer Veröffentlichung „Denying the Holocaust“ David Irving als authentischen Holocaust-Leugner bezeichnet. 1994, während einer Vorlesung von Lipstadt, die sich mit der Leugnung des Holocaust beschäftigt, hat sie ihre Abneigung gegen jegliche Gespräche mit solchen Leugnern zum Ausdruck gebracht. Da erhob sich ein Mann im Auditorium, hält ein Bündel Geldscheine in der Hand und stellt als David Irving vor. Er würde demjenigen, der Beweise für Vernichtung in Gaskammern liefert, 1000 Dollar überreichen. 

Die Historikerin lehnt angewidert jegliche verbale Auseinandersetzung ab und bekommt eine dreiste Verleumdungsklage von Irving an den Hals, der Penguin Verlag mit Hauptsitz London gleich mit. Da er die Klage in Großbritannien einreicht, läuft der Prozess nach britischen Verfahrensrecht ab. Deshalb ist Deborah Lipstadt beweispflichtig und nicht umgekehrt, wie es unter anderem in den Vereinigten Staaten üblich ist. Sie muss demnach beweisen, dass Auschwitz und die Shoah Fakten sind. Eine große Demütigung für Lipstadt. Und ein Prozess, der sich über vier Jahre hinzieht – von 1996 bis 2000.

Anmerkung dazu: Das Aufeinandertreffen von Irving und Lipstadt in Atlanta ist aus dramaturgischen Gründen rein fiktiv von Autor David Hare in die Handlung eingebaut worden. Die tatsächliche Klage beruht alleine auf der Veröffentlichung und der darin enthaltenen Einschätzung Irvings durch die Wissenschaftlerin.

Der Film dreht sich hauptsächlich um die Gerichtsverhandlung. Ein Justizdrama also, vor allem eines mit einem gänzlich anderen System. Dort arbeiten zwei Anwaltsgruppen getrennt voneinander – die beratenden und die prozessführenden Anwälte. Deborah Lipstadt soll eigentlich gar nicht auftreten, KZ-Überlebende auch nicht. Der leitende prozessführende Anwalt, Richard Rampton (Tom Wilkinson) genießt damals den Ruf des führenden Spezialisten für Verleumdungsklagen. Er sieht sich gezwungen, nachzuweisen, dass tatsächlich Gas in Auschwitz verwendet wurde. Irving (Timothy Spall) tönte immer, „No Holes, no Holocaust“. Er hat übrigens auf einen Anwalt verzichtet und den Prozess verloren.

Die Filmemacher um Mick Jackson haben für die Dialoge akribisch die Prozessakten ausgewertet. Den Spannungsbogen bauten sie dadurch auf. Und sie vertrauten auf das gute Timing der Darsteller. Timothy Spall ist eine gute Wahl für den mit allen Wassern gewaschenen Pseudo-Historiker David Irving, der sich als das eigentliche Opfer stilisiert. Tom Wilkinson hat durch seine besonnene, aber auch derbe Art die notwendigen Impulse als Richard Rampton geben können. Und Rachel Weisz als lebhafte, intellektuelle Deborah E. Lipstadt.

Wenn sie uns doch die Protagonisten vielschichtiger präsentiert hätten. Über sie selbst erfahren wir leider kaum etwas. Dennoch wird uns klar, was passiert wäre, wenn Lipstadt verloren hätte. Da ist das Urteil, besonders in Zeiten der Faktenverdreher, und -leugner, sehr bedeutsam. Historische Wahrheiten kann man nicht unter den Teppich kehren. Sie wirken wie ein Spiegel, in dem man sich immer wieder sieht.

 

Una und Ray (Kanada/GB/USA 2016, Kinostart 30.03.2017)
Regie:
Benedict Andrews
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 21.04.2017

Ein Mädchen, 13 Jahre alt, und eine junge Frau, 15 Jahre später. Ein und dieselbe Person. Und ein Mann, über 20 Jahre älter. Sie sehen sich eines Tages wieder und nichts ist wie es vorher war. Es beginnt ein zweifelhafter Versuch, die  Vergangenheit aufzuarbeiten. Geht es um  Missbrauch oder nicht? Wann sind die Grenzen der Moral überschritten? Der Zuschauer gerät langsam ins Zweifeln. Ihm wird es auch nicht leicht gemacht, das Drama einzuordnen.

Una, eine junge Frau um die Anfang 30 (Rooney Mara), wohnt immer noch bei ihrer Mutter, hat keine feste Beziehung, geht ab und zu mal tanzen und lebt ihre Sexualität allerhöchstens mal bei einem Quickie auf der Toilette aus. Aber da ist noch etwas, da quält sie noch etwas. Ihre Unruhe treibt sie eines Tages zum Aufbruch, ohne etwas zu sagen oder zu hinterlassen.

Sie trifft in einer Fabrik überraschend auf einen Mann in den Fünfzigern, der sich heute Peter nennt, eigentlich Ray hieß (Ben Mendelsohn) und als leitender Angestellter tätig ist. Peter ist verunsichert, die Fassade fängt an zu brökeln. Denn vor 15 Jahren sind sie Nachbarn gewesen und in ein Tabu geschlittert, das sich auf das ganze Leben auswirken kann. Ray hat sie verführt, oder ist er verführt worden? Soll man Sex mit Minderjährigen dazu sagen, vielleicht doch eine Liebesbeziehung? Gefühle scheinen durchaus eine Rolle zu spielen, oder doch nicht?

Zumindest haben sie ihre Träume gehabt, machten sich auf den Weg, eine Flucht ins Nirgendwo. Die für Una zumindest in einem Motel endet. Ray hat sie dort sitzengelassen. Welch ein Leid für ein 13-jähriges Mädchen. Ihre Gefühle konnte sie bis heute nicht ordnen und Ray ist verhaftet worden mit anschließender vierjähriger Gefängnisstrafe.

Dann hat er sich einen anderen Namen gegeben, eine neue berufliche Existenz aufgebaut und geheiratet, ist Vater geworden. Und die Familie weiß nichts von seiner Vergangenheit, die Ray nun wieder einholt. Seine Mitarbeiter in der Fabrik dürfen ebenfalls nichts davon wissen. Die Auseinandersetzung zwischen Una und Ray muss aus diesem Grund jeweils in andere Bereiche der Firma verlegt werden, die wie ein großes Labyrinth anmutet, verwirrend wie die emotionale Situation der Protagonisten. Und als Metapher für Rays Versteck.

Aus dem er nun raus muss, genau wie Una aus der Häuslichkeit ihrer Kindheit in der heimischen Sackgasse, in der sie 30 Jahre wohnte. Beide müssen sich der Vergangenheit stellen. Im Gegensatz zur Theatervorlage, einem reinen Kammerspiel, hat der australische Regisseur Benedict Andrews sein filmisches Psychodrama immer wieder durch kurze Rückblenden erweitert, um den Kern besser herausarbeiten zu können. Ein Vorteil, den er geschickt zu nutzen wußte.

 

Nachruf auf Kameramann Michael Ballhaus
Von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 18.04.2017

Der legendäre Kameramann Michael Ballhaus ist tot. Er gilt als Erfinder des „Ballhaus Kreisels“, führte eine bewegliche, lebendige Kameraufnahmetechnik in die Filmkunst ein, drehte mit Rainer Werner Fassbinder, Peter Lilienthal, John Sayles, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola und war einer der wenigen Deutschen, die sich in Hollywood etablieren und Karriere machen konnten. Nun ist der Filmkünstler, wie er sich selbst bezeichnete, im Alter von 81 Jahren nach kurzer Krankheit am 12. April in Berlin gestorben.

Seine fantastische Bildsprache hat Michael Ballhaus im Laufe seiner Karriere entwickelt und sah sich deshalb mehr als Filmkünstler, denn als Kameramann. Für ihn war die Regie der Bild- und Lichtführung das gestaltende Element der Filmkunst schlechthin. Deshalb konnte er sich als das „fliegende Auge“ einen weltweit geachteten Namen machen.

Das kam nicht von ungefähr. Denn die Basis seiner Kenntnisse, Erfahrungen, visuellen Einschätzungen und Ideen hat Ballhaus schon früh und solide geschaffen. Seine Eltern hatten in Franken ein Theater und agierten als Bühnenschauspieler. Eine Chance für den damaligen Schüler, sich als Bühnenfotograf auszuprobieren.

Nach dem Abitur folgte eine Fotografenausbildung und dann der Sprung zum Südwestfunk, wo er zum Chefkameramann avancierte. Zur Filmbranche war es dadurch nicht mehr weit. Erste Filme mit Hark Bohm, Peter Lilienthal und schließlich 15 Streifen mit Rainer Werner Fassbinder. In „Martha“ probierte Ballhaus zum ersten Mal den Kreisel mit der Kamera um 360 Grad aus. Diese Bewegungen um Personen herum, mit ihnen oder über der Szenerie faszinierten ihn und er perfektionierte die Vorgänge nach und nach. Auch das Licht prägt und gestaltet die Geschichte, die der Künstler – nach seiner Meinung – vorher schon im Kopf haben sollte.

In den achtziger Jahren ging Michael Ballhaus in die USA und lernte dort die Größen des Filmgeschäfts kennen: Martin Scorsese, Francis Ford Coppola oder Robert Redford. Aus den gemeinsamen Projekten sind Filmjuwelen entstanden. Etwa „Quiz Show“ mit Redford, „Outbreak“ mit Wolfgang Petersen, „Die Zeit nach Mitternacht“, „Die Farbe des Geldes“, „Good Fellas“, „Zeit der Unschuld“, „Gangs of New New York“, „Departed – Unter Feinden“ mit Scorsese (insgesamt 7 Filme), „Bram Stoker' s Dracula“ mit Coppola. Aber auch Independent-Produktionen wie „Die fabelhaften Baker Boys“ mit Steve Kloves, die er zu einem visuellen Meisterwerk gestaltete. Oder die „Mambo Kings“ mit Arne Glimcher“. Deshalb konnte er sich unter der Berufsbezeichnung Bildregisseur ein internationales Renommee erschaffen.

Ein Beispiel für den visuellen Sog, den eine perfekte Bildinszenierung hervorbringt – viele Zuschauer werden das vielleicht noch im Kopf haben – ist der Kamerakreisel bei der Piano-Szene um Michelle Pfeiffer und Jeff Bridges in „Die fabelhaften Baker-Boys“. Sie singt „Makin' Whoopee“, räkelt sich im langen, hochgeschlitzten, roten Kleid auf dem Flügel, die Kamera fährt langsam um sie und den Pianisten herum, das Licht mal klar, mal rauchig, gegen Ende des Songs steigt sie neben Bridges herunter und lehnt sich mit dem Rücken an ihn. Da knistert was ganz intensiv, die Bildinszenierung läßt einen das spüren. Der gesungene Klassiker bildet das I-Tüpfelchen.

Für diesen Film um zwei Barpianisten, gab es eine Oscar-Nominierung für Ballhaus, eine von dreien. „Nachrichtenfieber“ und „Gangs of New York“ waren die beiden anderen. 2007 hat er dann –  als erster Deutscher – den Preis für sein Lebenswerk von der American Society of Cinematographers erhalten.

Der grüne Star, sein Damoklesschwert, fiel allmählich auf ihn herab. Die totale Erblindung drohte. Der Filmkünstler hatte allerdings noch einige Zeit, um dem Nachwuchs in den Filmstudiengängen, etwa in Hamburg, handwerkliches Können beizubringen. Nebenbei hat er sich mit seinem „Ballhaus-Projekt“ für den Klimaschutz engagiert.

Der Grandseigneur der internationalen Filmbranche war liebenswürdiger, charmanter Mensch – der Autor hat ihn selbst einmal bei einer Veranstaltung in Hamburg erlebt – der in seiner ruhigen Art vor gar nicht langer Zeit äußerte: „Alles hat seine Zeit. Und diese Zeit ist vorbei. Ich traure dieser Zeit nicht mehr nach. …“.

 

A United Kingdom (GB/Tschechien 2016, Kinostart 30.03.2017)
Regie:
Amma Asante
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 14.04.2017

London 1947. Eine englische Büroangestellte lernt einen afrikanischen Studenten kennen. Der Beginn einer großen Liebe. Und gleichzeitig der Anfang eines Kampfes um diese Liebe und nicht nur darum. Der junge Mann stammt nämlich aus Bechuanaland (dem heutigen Botswana) und soll dort den Thron einnehmen. Das kleine Land im südlichen Afrika ist britisches Protektorat, wo die Apartheid genauso herrscht wie im angrenzenden Südafrika. Diplomatische Querelen sind vorprogrammiert. Es geht schließlich um Rohstoffe - und um eine wahre, fast märchenhafte Geschichte.

Es beginnt mit einem Tanzabend. Swing wird gespielt und die Londoner Büroangestellte Ruth Williams (Rosamund Pike) lernt den Jura-Studenten Seretse Khama (David Oyelowo) kennen. Eigentlich wollte Ruth nur ihre Schwester Muriel (Laura Carmichael) zu dieser Veranstaltung begleiten und ist dabei ihrer großen Liebe über den Weg gelaufen, dem zukünftigen Regenten von Bechuanaland, dem heutigen Botswana.

Die Hindernisse, die auf Ruth und Seretse zukommen, haben beide nicht absehen können. Rassismus im Londoner Alltag mit Pöbeleien und Beleidigungen. Das kommt einem doch irgendwie aktuell vor. Wir befinden uns aber hier im auslaufenden vierten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts und das British Empire beginnt langsam zu bröckeln, anders  ausgedrückt, Großbritannien schwimmen allmählich die Felle weg. Die Weltlage ändert sich und die Regierung wertet es als diplomatische Provokation, wenn sich eine gemischt-rassige Ehe von dieser Tragweite anbahnt. Und Ruths Vater bricht mit seiner Tochter.

Denn gerade ein Jahr vorher, 1948, ist das Apartheid-System im benachbarten Südafrika installiert worden. Großbritannien ist nämlich von den dortigen Bodenschätzen abhängig. Bechuanaland hat den Status eines britischen Protektorates. Diplomatische Querelen bis hin zu Intrigen auf höchster Ebene sind also vorprogrammiert. Ruth und Seretse bekommen das bitter zu spüren, mit allen Mitteln versuchen die arroganten Machtinhaber, ihre Ziele durchzusetzen.

Umgekehrt ist die Situation auch nicht besser. Das Paar wird feindselig in Seretses Heimat empfangen und sein einflussreicher Onkel Tshekedi Khama versucht die geplante Thronfolge zu hintertreiben. Es ist dem feinfühligen Geschick von Ruth zu verdanken, dass sie den umgekehrten Rassenhass dort allmählich abbauen und eine Akzeptanz bei der Bevölkerung aufbauen kann. Auf Privilegien wollen sie sogar verzichten. Damit gewinnt ihr Mann ebenfalls den Respekt seiner Landsleute. Sie unterstützen ihn bei der Abstimmung über die Zukunft – sehr zum Ärger seines Onkels, der sich nun zurückzieht.

Die Briten versuchen das Paar zu trennen. Seretse wird nach London beordert, wo man ihm eröffnet, seine Heimat fünf Jahre nicht mehr betreten zu dürfen. Er geht an die Öffentlichkeit und gewinnt einen Teil der Abgeordneten und kann sogar Bechuanaland die Schürfrechte für eventuelle Bodenschätze sichern und darf zudem für eine Woche nach Hause fliegen. Dort gelingt es ihm, sich wieder mit seinem Onkel zu versöhnen, weil er auf die Thronfolge verzichtet, und dafür im Land bleiben kann. Ministerpräsident wird er künftig sein und mit Ruth vier Kinder haben.

Klingt wie ein Märchen, ist aber keins. Der afrikanisch-stämmigen Engländerin  Amma Asante („Dido Elizabeth Belle“) ist es vielmehr gelungen, eine historische Begebenheit mit einer tatsächlichen privaten Ebene zu verbinden. Konventionell gestrickt, solide gemacht, aber von unprätentiösen und hervorragenden Schauspielern wie David Oyelowo und Rosamund Pike getragen. Die verschiedenen Spannungskurven wie auch die emotionalen Schwankungen haben gerade sie wunderbar austarieren können. Ein Melodram voller Romantik, Leid und Triumph oder anders formuliert, ein Film für Herz und Hirn.

 

Die andere Seite der Hoffnung (Finnland 2016, Kinostart 30.03.2017)
Regie:
Aki Kaurismäki
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 07.03.2017

Ob das wirklich der letzte Film von Aki Kaurismäki ist, wie er verkündet hat, bleibt abzuwarten. Zumindest bekommt man mit „Die andere Seite der Hoffnung“ einmal mehr einen typischen Kaurismäki. Flüchtlinge und Mitmenschlichkeit im Umgang mit Migranten hat er märchenhaft und voller Lakonie thematisiert. Wenig Worte und illustrative Bilder ergänzen sich zu einer ausdrucksstarken künstlichen Welt. Dafür gab es den Silbernen Bären für die beste Regie auf der diesjährigen Berlinale.

Nach „Le Havre“ ist es der zweite Film des finnischen Regie-Altmeisters, der sich mit dem Schicksal von Geflüchteten auseinandersetzt. Er bleibt nach wie vor seiner Devise treu, Außenseitern ein Gesicht zu geben und in seinen Geschichten zu erzählen, wie schwierig es ist, einen Platz, mag er noch so klein sein, in der Gesellschaft zu finden. Mit seinen trocken melancholischen und lakonischen Dialogen und den wie abwesend agierenden Figuren schafft er einen ganz eigenen, mit der Realität bissigen Umgang.

Der Kaurismäkische Kosmos wird stets von der typischen Blau- und Braunfarbigkeit dominiert, die sein Stammkameramann Timo Salminen auf 35 mm gebannt hat. Alleine daran erkennt man einen zeitlosen Film des eigenwilligen Regisseurs. Und an der Musik, die den akustischen Rahmen, ob nun mit Rock 'n' Roll oder Tango, bildet. Von daher weiß man nach spätestens zehn Minuten, wer Regie geführt hat, Listen über den Stab braucht man eigentlich nicht. Genauso wenig wie über die Darsteller. Sakari Kuosmane, Janne Hyytiäinen, Nuppu Koivu oder Kati Outinen gehören zum Stamm der eingesetzten Mimen. Längst vertraute Mienen für die Fans.

Nun also der Sprung von Le Havre zurück nach Finnland, einem Land, das ähnlich wie Resteuropa von Hass, bürokratischer Engstirnigkeit, Gewalt und Gleichgültigkeit heimgesucht wird. Kaurismäki widert das an, wie er bereitwillig bei Interviews äußerte. Zu sagen hat er immer etwas über die soziale Realität, die jeweils den Kern seiner Utopien befeuert.

Das Schicksal zweier Hauptfiguren bilden das Rückgrat seines neusten Werks. Versteckt unter Kohlen kommt der Syrer Khaled (Sherwan Haji) im Hafen von Helsinki an. Er ist auf der Flucht vor den Kriegswirren in Aleppo, hat aber unterwegs seine Schwester aus den Augen verloren. Er will Asyl beantragen, Hauptsache erstmal Frieden. Dann ist da der von der Midlife-Crisis betroffene Wikström (Sakari Kuosmane), der bisher als Vertreter für Oberhemden gearbeitet hat und nun ein Restaurant betreiben will. Seiner alkoholkranken Frau hat er den Ehering auf den Tisch gelegt. Sie reagiert mit einem weiteren Schluck aus der Wodkaflasche. Er sucht eine Pokerrunde auf und gewinnt – das Geld, das er für sein Restaurant braucht. Es heißt „Zum Goldenen Krug“. Khaled verliert. Sein Asyl-Antrag wird abgelehnt mit der Begründung, dass Syrien sicher sei. In den Büros der Polizei stehen im übrigen noch Schreibmaschinen auf den Tischen.

Im Hinterhof des Lokals, bei den Mülltonnen, treffen die beiden Flüchtlinge, Wikström ist natürlich auch einer – mit Hoffnung auf einen Neubeginn, aufeinander. Die Fäuste fliegen, jeder bekommt einen Haken. Dann sitzen sie drin am Tisch und Khaled bekommt einen Teller Suppe. Diese Details machen Kaurismäkis Filme aus. Minimalismus pur eben.

Wikström hat dagegen Pech beim Publikum mit seiner Speisekarte. Fleischklopse und Hering scheinen nicht mehr In zu sein. Also japanisch - Sushi läuft vielleicht besser. Im „Goldenen Krug“ erlebt die Belegschaft, bestehend aus altgedienten Darstellern, den Genuss von Solidarität. Und Khaled erhält auch einen kleinen Job.

Als Beispiele für die Absurditäten der Welt sei auf eine Nachrichtensendung im Fernsehen hingewiesen, mit einem Bericht über die tatsächlichen Brutalitäten in Syrien, sowie auf eine Begebenheit bei einer Kontrolle des Restaurants durch die Gesundheitsbehörde. Khaled wird mitsamt kleinem Hund des Besitzers in der Toilette eingeschlossen. Als er wieder befreit wird, verkündet der Syrer, er habe dem Tierchen inzwischen etwas Arabisch beigebracht. Daraufhin sei der Kleine zum Islam konvertiert, der Buddhismus ist wohl doch nicht das Richtige gewesen.

 

Der Hund begraben (BRD 2016, Kinostart 23.03.2017)
Regie:
Sebastian Stern
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 31.03.2017

Hier sind einige Personen auf den Hund gekommen. Das Tier steht freundlich vor der Tür; der Hausherr vor der Tür der Firma, die ihn gerade entlassen hat; seine Frau vor mehr Abwechslung in ihrem Leben und dann gibt es noch einen geheimnisvollen jüngeren Mann, der in Lauerstellung steht. Er will auch in das Haus. Stoff für eine schwarze Komödie von dem jungen Autoren-Filmer Sebastian Stern.

Der Mann in der Midlife-Crisis. Hans (Justus von Dohnányi) ist so einer, um die fünfzig herum, hat gerade seine Stellung in einer Zellstofffabrik verloren wegen der Übernahme durch eine finnische Firma, traut sich nicht zu Hause - in einem typischen Mittelschichts-Häuschen – darüber zu reden und weiß nichts mit sich anzufangen. Seine Frau Yvonne (Juliane Köhler) lebt frustriert vor sich hin und Tochter Laura (Ricarda Zimmerer) hat einen Freund, den sie jetzt immer nach Hause bringt und der ständig Hunger hat.  Sie braucht ihren Vater eigentlich nicht mehr, behauptet sie lauthals. Hans kommt mit seinem Problem überhaupt nicht zu Wort. Also lässt er es.

Da steht eines Abends ein freundlicher Hund, ein Streuner, vor der Terrassentür und begehrt schwanzwedelnd Einlass. Anlass für die Dame des Hauses entzückt zu sein. Endlich ist da jemand, um den sie sich kümmern kann, so knuddelig der ebenfalls einsame Hund ist. Hans hat zumindest den traurigen Hundeblick mit dem Vierbeiner gemein. Das nützt ihm aber nichts. Er wird durch das Zotteltier ersetzt. Erst ist es ein Finne, der ihn in der Firma ersetzt, dann ein Hund in seinem eigenen Haus.

Yvonne freut sich jedenfalls über die neuen Aufgaben, die nun auf sie warten: Futter zubereiten, Spazierengehen, Stöckchen-wegwerf-und-hol-wieder-Spiel, Erfahrungen mit anderen Hundebesitzern austauschen und Schmusen. Mit ins Bett darf der Vierbeiner natürlich auch.

Und was macht der frustrierte Hans? Das, was viele Männer in ähnlich neurotischen Zwangslagen so machen. Er besucht ein Autohaus, ist von der Verkäuferin ganz angetan und lässt sich ein schmuckes, schnelles Cabrio aufschwatzen. Er hat ja noch die Abfindung in der Tasche. Und Rasen macht Spaß.

Nicht immer. Denn plötzlich steht ein Hund auf der Straße. Hans kann nicht mehr rechtzeitig abbremsen. Es ist der Streuner. Oh je,  was für ein Schlamassel. Da lernt Hans durch Zufall den merkwürdigen Mike kennen – mal wieder ein typisch absurder Auftritt für Georg Friedrich. Der ominöse Typ erklärt sich bereit, für den überfahrenen Hund seinen Buckel hinzuhalten. Schließlich ist er selbst vom Universum betrogen worden. Und Hans entlastet.

Auf diese Weise kommt Mike in das Haus, verschweigt ebenfalls die Wahrheit und macht sich an Yvonne heran. Die Absurditäten überholen sich mittlerweile. Privatleben wird immer mehr zum Chaos und Hans droht durch Mike ersetzt zu werden. Wie schnell bricht eine bürgerliche Existenz zusammen. Wie schnell wird man ersetzbar. Wie schnell kann der Abstieg kommen. Universelle Fragen. Sebastian Stern lässt in seinem Film das Komische auf das Tragische prallen. Eine schwarze Tragikomödie ist dabei entstanden, die allerdings manchmal noch zu gutartig ist. Auch hätte dem Streifen hier und da etwas mehr Tempo gut getan. Das Tempo auf der Straße ist dabei natürlich nicht gemeint.

 

Der Himmel wird warten (Frankreich 2016, Kinostart 23.03.2017)
Regie:
Marie-Castille Mention-Schaar
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 28.03.2017

Dieser neue Film von Marie-Castille Mention-Schaar („Die Schüler der Madame Anne“) erzählt von zwei Mädchen, deren Persönlichkeit sich allmählich verändert und die in den Sog der Radikalisierung gezogen werden.
Die Strategien der IS-Anwerbung und die Hilflosigkeit der Eltern werden so fassbarer und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ein Gesellschaftsdrama, das informiert und berührt.

Die Terroranschläge vom 13. November 2015 haben gerade Paris erschüttert, da begannen die Dreharbeiten zu diesem Film. Natürlich war das reiner Zufall. Und trotzdem der passende Zeitpunkt. Wie konnte das passieren, was ist in Menschen vorgegangen, die in die brutale Terror-Maschinerie des IS geraten sind? Das betrifft eben auch Mädchen und junge Frauen.

Marie-Castille Mention-Schaar hat zwei Fälle fiktiv gestaltet, die sie aus realen Fällen und Biographien extrahierte. Zwei Mädchen aus soliden Haushalten, mit toleranten, liberalen Eltern, intelligent und mit vielseitigen Interessen. Wirklich wohlbehütet, ganz bürgerlich.

Da ist zum einen Mélanie, 16 Jahre alt, die bei ihrer Mutter lebt und leidenschaftlich gerne Cello spielt. Sie lebt alles andere als isoliert, hat viele Freundinnen und Bekannte und engagiert sich mit Sammlungen und diversen Aktionen für eine bessere Welt. Und nun lernt sie per Internet einen jungen Mann kennen, der sie auf andere Optionen lenkt, mit Nachrichten und einschmeichelnden Botschaften überhäuft. Da stößt er naturgemäß auf Sympathie, Interesse und Neugierde. Dann drängt sich immer mehr die Beschäftigung mit dem Islam in die Kommunikation. Eine äußerst geschickte Strategie. Melanie wird übrigens von Naomi Amarger dargestellt, die bereits in „Die Schüler der Madame Anne“ mitspielte, wie auch Noémie Merlant, die als 17-jährige Sonia bereits ihren Koffer gepackt hat. Sie ist bereit, nach Syrien aufzubrechen - und ihr Leben wegzuwerfen.

Die Polizei hat jedoch Wind davon bekommen und stürmt nachts die Wohnung, um Sonia festzunehmen. Nun lebt sie unter Hausarrest bei ihrer Familie, die mit Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln zu kämpfen hat.

Jetzt kommt die Therapeutin und Pädagogin Dounia Bouzar ins Spiel, die versucht, Eltern und deren Kinder in langen Gesprächen zu helfen. Mit Schuldgefühlen aufzuräumen, die Unterschiede zwischen Dschihadismus und dem Koran herausarbeiten, Trotz, Wut und Ohnmacht zu sortieren sowie Schwierigkeiten beim Ordnen des Wirrwarrs abzubauen. Dounia Bouzar spielt sich übrigens selbst. Die Mediatorin ist ein Profi bei der Unterstützung von Familien, die in diese Zwangslage gekommen sind.

So besitzt der Film einen fast halbdokumentarischen Charakter. Fiktionales ist dadurch nicht aufgebauscht worden. Der Sensibilität bleibt genügend Raum. Eine recht ausgewogene filmische Balance, die durchaus berühren kann.

 

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand
(Schweden
2016, Kinostart 16.03.2017)
Regie:
Felix Herngren, Mans Herngren
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 22.03.2017

Wo ein großer Erfolg, kommt prompt eine Fortsetzung. Allan Karlsson ist ein Jahr älter geworden und fühlt sich fit für weitere Abenteuer. Da haben sich die Drehbuchautoren Felix Herngren und Hans Ingemansson ebenfalls ins Zeug gelegt und haben eine Fortsetzung des „Hundertjährigen“ geschrieben. Diesmal hat aber keine literarische Fortsetzung von Jonas Jonasson die Vorlage geliefert. Der Autor weiß wahrscheinlich warum. Und der Zuschauer weiß es schließlich auch – nach seinem Kinobesuch.

Die Weltläufigkeit der Drehorte – wir wissen das von den Bond-Filmen – kommt immer gut an. Also haben die Drehbuchautoren die Orte der Handlung vom tropischen Bali, über das kalte Moskau bis hin zum quirligen Berlin gespannt. Allan Karlsson (Robert Gustafsson) hat mit seinen Freunden und seiner alten Freundin Miriam (Shima Niavarani) das Leben auf Bali genossen, sieht aber das Geld schwinden – die Pleite droht. Zu seinem 101. Geburtstag kann er noch die letzte Flasche Volkssoda öffnen, dann ist Ebbe mit der Brause, die damals in der Sowjetunion entwickelt wurde, um den Amerikanern mit ihrer Coca-Cola die Stirn zu bieten.

Irgendwo muss noch die Rezeptur sein. Also nichts wie los – Allan vermutet den Zettel bei einer alten Freundin. Vorher müssen aber noch die Luxushotelkosten geprellt werden, bevor es im Bademantel zum Flughafen geht. Das dreiste Kapuziner-Äffchen Erlander darf auch nicht fehlen.

Spätestens hier wird einem klar, wie diffus alles wirkt. Im ersten Film wurde die Erfindung der Brause und der Triumpf mit Leonid Breschnew gefeiert, der begeistert war, es den Amerikanern, speziell Richard Nixon, endlich mal zu zeigen. In Moskau scheiterten dagegen die Versuche, mit einer speziellen Rockmusik den amerikanischen Musik-Markt zu erobern.

Jetzt werden Rückblenden von diesen Ereignissen eingeschoben – vielleicht das einzig Erfrischende an diesem Film. Natürlich sind die Figuren wieder schräg, Gag folgt auf Gag. Mehr aber auch nicht. Nur mit Blödsinn – auf den Erfolg des ersten Teil abzielend – kann man eben keinen Blumentopf gewinnen.
Also: Ein überflüssiger, langweiliger und banaler Quatsch.

 

Mit siebzehn (Frankreich 2016, Kinostart 16.03.2017)
Regie:
André Téchiné
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 16.03.2017

André Téchiné bringt nach zweijähriger Pause einen Film in die Kinos, der von zwei Jugendlichen in den Pyrenäen erzählt, die mit der Adoleszenz, dem Erwachsenwerden ihre Schwierigkeiten haben. Ein Kino der körperlichen Präsenz, ein Verwirrspiel mit Gefühlen, gleichzeitig eine präzise Schilderung mit gekonnt gemachten, bedrängenden Bildern und der typisch französischen Leichtigkeit.

Die Berglandschaft der Pyrenäen teilt: Unten im Tal wohnt Damien (Kacey Mottet Klein) mit seiner Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain), einer Ärztin. Oben auf dem Berg lebt Thomas (Corentin Fila) mit seinen Eltern, einfachen Bergbauern, die den aus dem Maghreb stammenden Jungen adoptiert haben. Thomas möchte gerne einmal Tierarzt werden.

Beide Jungs sind 17 Jahre und gehen auf ein Gymnasium. Dort gelten sie als Außenseiter, werden links liegen gelassen, was sich besonders beim Sportunterricht bemerkbar macht. Denn bei der Wahl zu den Teams bleiben sie regelmäßig bis zum Schluss sitzen. Sie haben quasi nur sich selbst, können sich aber nicht ausstehen. Tun sich weh, prügeln sich. Und wissen nicht warum. Die uralte Geschichte der Menschheit bekommt durch diese beiden Jugendlichen wieder mal ein Gesicht. Spannungen und Sehnsüchte. Homosexualität gibt es nicht. An sich ist das nichts Neues. Aber physisch stark, wie der Regisseur das zeigt, ist es doch etwas Neues.

André Téchiné findet dafür noch einen ganz eigenen Rahmen. Das Auf und Ab, die Stimmungen der Landschaft. Die damit verbundene Isolation, aus der auszubrechen, lange und schwierige Wege zu überwinden sind, besonders bei den Schneeverhältnissen des Winters. Thomas arbeitet gerne mit den Tieren auf dem abgelegenen Bauernhof seiner Adoptiv-Eltern. Damien geht regelmäßig zum Boxtraining. Bemühungen, etwas mehr Selbstvertrauen zu gewinnen – trotz der eigenen Isolation.

Aus der Thomas plötzlich herausgerissen wird, als seine Adoptivmutter schwanger wird, zum ersten Mal. Sie hat eine gute Ärztin gefunden – Damiens Mutter. Die Thomas einlädt, die nächste Zeit bei ihnen im Tal zu wohnen. Da hätte er keine umständlichen Wege mehr, kommt ausgeruht zur Schule, denn seine Versetzung ist gefährdet. Und er könne mit Damien zusammen lernen.  Seine zupackende Art mag sie außerdem. Eine mögliche Dreiecksbeziehung kommt dem Zuschauer in den Sinn, weil er nahe an den Spannungen unter den Protagonisten ist und Sympathien nicht eindeutig zuordnen kann. Tatsächlich träumt die Ärztin einmal von Thomas. Ihr Mann ist, wie so oft, als Militärpilot im Auslandseinsatz.

Thomas' Adoptiv-Mutter bringt schließlich ihr erstes eigenes Kind zur Welt. Da spuckt der Junge das aus, was ihn wohl  jahrelang gequält hat: Endlich hätten sie ein eigenes, ein echtes Kind. Sein Adoptiv-Vater widerspricht: Es gäbe weder echte noch unechte Kinder.

 

Der junge Karl Marx (Frankr./BRD/Belgien 2016, Kinostart 02.03.2017)
Regie:
Raoul Peck
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 10.03.2017

Über Karl Marx wurde hierzulande eigentlich nie ein abendfüllender Film gemacht. Da musste erst der aus Haiti stammende Regisseur Raoul Peck kommen, um diese wichtige Lücke zu füllen. Er erzählt von dem jungen Karl Marx und Friedrich Engels, ihrer Kooperation bei der Sammlung von Grundlagen des späteren kommunistischen Manifests und ihrer wachsenden Freundschaft. Stilecht und handwerklich solide verfilmt. August Diehl mimt den großen Geist der Gesellschaftskritik im späten 19. Jahrhundert, die jetzt wieder aktuell wird - angesichts der globalen neoliberalen Wirtschaft.

Der Krieg Reich gegen Arm hat seine Brutalität im 19. Jahrhundert schon beim täglichen Überlebenskampf in der Natur demonstriert. Raoul Peck zeigt das zu Beginn des Films anhand von armen Bauern, die im Wald herumliegende Äste aufsammeln und dann von berittener Polizei verprügelt werden. Aus dem Off die Stimme August Diehls als Karl Marx mit Text-Auszügen über Ungerechtigkeit, Strafe und Verbrechen.

England befindet sich in der industriellen Revolution. Friedrich Engels, Sohn eines Baumwollfabrikanten, macht in der väterlichen Fabrik eine Ausbildung und muss dabei erleben, wie rabiat sein Vater gegen aufmüpfige Arbeiterinnen vorgeht. Es ist der Beginn der Arbeiterbewegung auf der Insel. Mit der entlassenen Baumwollspinnerin Mary Burns beginnt Engels eine Liaison, aus der eine lebenslange Partnerschaft – auch im politischen Sinne – entsteht.

Die beiden Jungrebellen treffen in Paris aufeinander. Marx heiratet die Adelige Jenny von Westphalen und hat die französische Hauptstadt als Exil gewählt. Aus Deutschland ist er wegen zensorischer Maßnahmen vertrieben worden. Sie sind noch nicht zu Symbolfiguren aufgestiegen und leben die Existenz von links-intellektuellen Lebenskünstlern mit kühnen Ideen und Plänen. Das sich viel in Bistros abspielt gehört irgendwie dazu. Wein regt bekanntermaßen an.

Karl und Jenny (kongenial dargestellt von Vicky Krieps) harmonieren geistig-politisch und sind auch im übrigen unzertrennlich. Helen Burns (Hannah Steele), irische Partnerin von Engels, besticht durch ihren Mut und ihre Sinnlichkeit. Friedrich Engels wird von Stefan Konarske mit einer beachtlichen Vielschichtigkeit gespielt.

Vielschichtig ist auch die sprachliche Ausstattung des Films. Die Originalfassung ist dreisprachig – englisch, deutsch, französisch, je nach Drehort. Für die Authentizität ist diese Entscheidung nur positiv und lässt die überwiegende Beschaulichkeit der Inszenierung nebensächlich erscheinen.

 

Hitlers Hollywood (BRD 2016, Kinostart 23.02.2017)
Regie:
Rüdiger Suchsland
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 07.03.2017

Der Filmjournalist Rüdiger Suchsland hat einen Dokumentarfilm über die deutsche Film- und Propagandamaschinerie des Nazi-Regimes gemacht. Ein gewagtes Unternehmen, hat Goebbels doch über 1000 Filme produzieren lassen. Was bleibt da für 100 Minuten? Zumindest wichtige, markante Werke aus der Ideenfabrik des Propagandaministers Goebbels werden in kurzen Ausschnitten gezeigt. Die Namen der beliebtesten Schauspieler dürften  immer noch bekannt sein: Heinz Rühmann, Hans Albers, Zarah Leander, Marianne Hoppe, Marika Rökk, Gustav Gründgens, Heinrich George, Leni Riefenstahl und  Ilse Werner. Ein durchaus kurzweiliger und interessanter Streifzug.

Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Veit Harlans perfider Hetzfilm „Jud Süß“, ließ Joseph Goebbels die Nazi-Ideologie mit allen Mitteln des Unterhaltungsfilms nur unterschwellig auf Zelluloid transportieren. Die Volksverführer des Propagandaministeriums wussten um die Wirkung des Medium Films, forderten eine moderne Filmästhetik – die bis heute wirkt, auch in Hollywood. Das sahen sie als Hauptkonkurrenten im Kampf um die Vormachtstellung des Kinos.

Über 1000 Filme wurden zwischen 1933 und 1945 produziert. Geld spielte keine Rolle, so wurden die besten (noch in Deutschland verbliebenen) Schauspieler und Regisseure verpflichtet. Der Kinofilm war die Basis der Propagandamaschinerie – Fernsehen gab es bekannterweise noch nicht. Rüdiger Suchsland zeigt Ausschnitte aus „Hitlerjunge Quex“ mit Heinz Rühmann, der einen zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus stehenden Jungen spielt. „Morgenrot“, einen heroisch militaristischen U-Boot-Film. Hans Albers natürlich,  der nach dem Motto „Hoppla, jetzt komm' ich“ dem weiblichen Kino-Publikum den Kopf verdreht hat. Zarah Leander mit ihrer erotisch-rauchigen Stimme. Marika Rökk der lebenslustige Tanz- und Revuestar, der auch in reinen Propaganda-Filmen auftrat – aus Überzeugung. Heinrich George, d e r  Schauspieler dieser Zeit schlechthin, der sich nicht zu schade war, in dem Durchhaltefilm „Kolberg“, kurz vor Kriegsende, mitzuspielen. Ein Farbfilm übrigens, bei dem die Komparsen echte Soldaten waren, die von der nahen Ostfront abgezogen wurden. Es brauchten nur die Uniformen ausgetauscht zu werden.

Und Leni Riefenstahl, ehemals Tänzerin und Schauspielerin, die – von Hitlers Gnaden – als Propaganda-Regisseurin eine große Karriere unter den Nazis hinlegte. Ohne Zweifel sehr talentiert, drehte sie den NS-Propagandafilm „Triumpf des Willens“, der in seiner Wirkung bis heute nicht übertroffen wurde. Dann setzte sie ästhetische Maßstäbe im Sportfilm mit dem zweiteiligen Olympia-Film „Fest der Völker/Fest der Schönheit“. Er gilt bis heute als bester Sportfilm. Dass sie ihre Seele an den Teufel verkauft habe, wollte sie bis zu ihrem Tod nicht wahrhaben. Sie klammerte sich ihr ganzes Leben daran, ja nur eine Künstlerin gewesen zu sein.

Diese und weitere Blicke hinter die Film- und Unterhaltungsmaschinerie des Joseph Goebbels sind zwar vorhanden, dennoch rauscht alles bei Rüdiger Suchslands Dokumentation am Zuschauer vorbei. 1000 Filme in 100 Minuten geht eigentlich gar nicht, auch wenn das Ansinnen vorhanden ist, wenigstens einige bleibende Momente einem nahe zu bringen. Am Schluss weiß der Zuschauer gar nicht, was er alles gesehen hat. Es kommt einem dabei das Marcel-Reich-Ranicki-Zitat in den Sinn: „Und so sehen wir betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

 

Erzähl es niemandem! (BRD/Norw./Dän./Tschechien 2017, Kinostart 02.02.2017)
Regie:
Klaus Martens
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 02.03.2017

Klaus Martens hat einen Dokumentarfilm über die ungewöhnliche Liebe  zwischen einer 19-jährigen Norwegerin und einem deutschen Besatzungs-Soldaten gedreht. Eine Liebesgeschichte, die 1942 in Harstad bei Narvik begann und die ein trauriges Geheimnis barg. 2012 fliegt Lilian Berthung Crott zum Polarkreis, dabei die Urne mit der Asche Helmut Crotts. Sie hat es ihrem Mann versprochen. Ihre Tochter Randi Crott hat ein erfolgreiches Sachbuch über das leidgeprüfte Leben ihrer Eltern geschrieben. Grundlage für die Idee zu diesem Film.

Unzählige Schicksale des 2. Weltkrieges haben seelische Wunden geschlagen, die Jahrzehnte brauchten, um zu heilen – wenn überhaupt. Kaum beachtet und öffentlich verarbeitet dagegen intime Kontakte zwischen den Feinden. Da gab es die Liebschaften zwischen Norwegerinnen und deutschen Besatzungssoldaten – nach Schätzungen etwa 50000 - die einer hasserfüllten Stigmatisierung ausgesetzt waren, sofern sie ans Tageslicht kamen.

1942 lernen sich Lilian Berthung und Helmut Crott aus Wuppertal in Harstad bei Narvik kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Aber die Bekanntschaft müssen sie geheim halten. Denn amouröse Kontakte gelten als Verrat. Die Treffen sind immer von der Angst begleitet, entdeckt zu werden. Als Lilian erfährt, dass eine jüdische Familie aus dem Dorf worden ist, will sie die Beziehung zu Helmut sofort beenden. Sie stellt ihn zur Rede und erfährt von Helmut, unter der Voraussetzung, dass sie schweigt, das Familiengeheimnis der Familie Crott.

Die Mutter Helmut Crotts ist auch Jüdin und deshalb ist er zur Wehrmacht gegangen, denn seine Uniform schützt die Familie – bis jetzt. Da verspricht Lilian, immer bei ihm zu bleiben. Die Liebe hat den Krieg überdauert.

Lilian folgt ihm nach Deutschland. Der Krieg ist zu Ende, Helmut gerät in amerikanische Gefangenschaft und muss erfahren, dass seine Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden ist. Sie hat den Nazi-Terror überleben können. Nordnorwegen – die Region Finnmark speziell - ist vor der Kapitulation der Wehrmacht niedergebrannt worden, mitsamt dem ganzen Vieh.

1951 ist dann ihre Tochter Randi in Wuppertal zur Welt gekommen. Sie ist Radio- und Fernseh-Journalistin geworden – und heute mit dem Regisseur dieses Films, Klaus Martens, verheiratet. Helmut Crott ist 2008 gestorben und Randi erfährt erst jetzt von dem Schicksal ihrer Eltern. Das Schweigen ist entgültig gebrochen. Lilian fühlt sich nicht mehr an das damalige Versprechen gebunden. Sie schreiben zwei Jahre nach dem Tod Helmuts ein Buch darüber. Titel: „Erzähl es niemandem“.

Ein anderes Versprechen hat Lilian auch eingelöst. 2012 fliegt sie mit der Asche ihres Mannes nach Narvik, um die Urne dort zu begraben, wo sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Die Kamera ist dabei und Klaus Martens nimmt diese Begebenheit als Dreh- und Angelpunkt für seinen Film. Die Aufnahmen im Schnee, der Landschaft, man kennt solche Szenerien. Das ist nichts Neues. Lilian, inzwischen hochbetagt, erzählt und zeigt uns die markanten Orte ihres Lebens. Vieles wird dazu aus dem Off gelesen, aus der Buchvorlage. Interessant sind vor allem Ausschnitte aus dem Propagandafilm „Kampf um Norwegen“, die allerdings nur einen Rahmen bilden können. Viel Filmmaterial ist eben nicht vorhanden.

Aber der Inhalt, die Aussage über das kleine Licht in dem grausamen Krieg, das Licht der Menschlichkeit, der Wärme und der Zivilcourage dieser deutsch-norwegischen Liebe berührt auf jeden Fall. Das alleine genügt schon.

 

Neruda (Chile/Argent./Frankr./Spanien 2016, Kinostart 23.02.2017)
Regie:
Pablo Larrain
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 25.02.2017

Der chilenische Schriftsteller Pablo Neruda, Nobelpreisträger, war einer der wichtigsten Stimmen der internationalen Linken. Als Senator und Mitglied der Kommunistischen Partei hat er den Gipfel seiner politischen Karriere erreicht. Ende der 40er Jahre fiel er in Ungnade bei Präsident Gonzáles Vileda, weil er ihn des Verrates am chilenischen Volk bezichtigte. Neruda musste untertauchen und fliehen. Regisseur Pablo Larrain hat sich für seinen Film diese Episode ausgesucht und dabei Realität und Fiktion vermischt. So ist ein Kriminalfilm entstanden, eine Art Film noir, der eine  Annäherung an Chiles berühmter Ikone erlaubt.

Ende der 40er Jahre befand sich die Welt im Kalten Krieg und Chiles Präsident Gonzáles Vileda veränderte seine Haltung gegenüber der politischen Linken. Seine Radikale Partei war nach rechts gerückt. Die Allianz mit Sozialisten und Kommunisten brach auseinander, wobei die USA auch einen Anteil daran hatten, ihr Einfluss war gewachsen.

Dagegen lehnte sich Pablo Neruda auf, der als Mitglied der Kommunistischen Partei   Senator war. Er warf Vileda Verrat am Volk vor. Hier setzt die Filmhandlung ein. Pablo Larrain mischt surrealistischen Humor darunter. So geht der barocke Sitzungssaal des Senats nahtlos in ein Pissoir über. Neruda erleichtert sich erst einmal, bevor er sich zu den Parlamentariern setzt, nicht ohne sich über den Präsidenten zu mokieren. Bald muss er allerdings Repressionen fürchten. Ein entsprechendes Gesetz hob seine parlamentarische Immunität auf. Vileda initiierte 1949 eine blutige Hexenverfolgung. Jeder Kommunist musste um sein Leben fürchten und floh, wenn es möglich war, aus einem Chile, das zum brutalen Überwachungsstaat mutierte. Grotesk, wie zeitlos dieses Thema ist.

Komik ist hier trotzdem dabei, wenn der Dichter nun untertauchen muss. Die Geschichte seiner Flucht im Film, zum großen Teil fiktiv als Legende ausgedacht, wird als Katz- und Mausspiel dargestellt. Larrain montiert auf diese Weise ein vielschichtiges Portrait Nerudas, das den Staatsterror in Gestalt des Polizisten Óscar Peluchonneau (Gael Garcia Bernal) personalisiert, der die Verfolgung aufnimmt. Nach außen hin wirkt der mit dem klassischen Hut – Film noir lässt grüßen – ausgestattete Kriminalpolizist wie ein kultivierter Gentleman, ist aber nur ein dämlicher und gutmütiger Trottel. Neruda spielt mit ihm, ohne dass der es merkt.

Und der Lebemann, dass ist Pablo Neruda ohne Zweifel gewesen – Womanizer, Gourmet, Weinkenner – macht die Flucht zu einer Reise durch die großartigen Landschaften Chiles. Bilder, wie aus einer großen Oper. Szenen, hoch oben in den schneebedeckten Anden bis zur grellen Atacama-Wüste, durchsetzt mit abenteuerlichen Begebenheiten. In der Wüste kommt Neruda an einem Konzentrationslager vorbei. Junger Kommandeur ist ein gewisser Augusto Pinochet.

Regisseur Pablo Larrain hat mehrere Filme über Chile gedreht. Im Gedächtnis dürfte noch sein „El Club“ sein, ein düsterer Film über straffällig gewordene Priester. Sein letzter Streifen „Jackie“ ist ein Hochglanzprodukt über Jacqueline Kennedy nach dem Attentat auf ihren Mann in Dallas. Perfekt gestaltet. Nun kann man in „Neruda“ eine neue Vorliebe kennenlernen, nämlich die des Phantasierens, das Spiel mit Realität und Fiktion. Es ist schon eine Hommage an Pablo Nerudas literarischem Werk.

 

Nichts zu verschenken (OT: Radin) (FR 2016, Kinostart 06.04.2017)
Regie:
Fred Cavayé
Filmbesprechung von Thomas Barth
    Thomas   Hamburg, 23.02.2017
Quelle hier  ==>

Die Komödie von Fred Cavayé setzt Frankreichs strahlenden Komikstar Dany Boon gekonnt und mit viel Herz in einer wendungs- und temporeichen Handlung in Szene. (**** 4/5 Sternen)

Der Geiger François Gautier (Dany Boon) ist virtuos in seinem Fach, aber auch ein notorischer Geizhals. Eine Art Familienfluch lastet auf ihm, denn sein Vater war ein hemmungsloser Verschwender und seine davon entnervte Mutter nahm dem Fötus François noch im Mutterleib das Versprechen ab, niemals so zu werden wie ihr Ehemann. 40 Jahre später lebt der inzwischen erfolgreiche Geiger im geerbten Elternhaus, wartet abends mit dem Lesen von Rechnungsbelegen im Dunkeln, bis endlich die Laterne vor seinem Fenster eingeschaltet wird. Er spart an Strom, Essen, Kleidung und macht sich durch seinen Geiz allseits unbeliebt. Aber nicht bei allen: Die plötzliche Zuneigung der schönen Cellistin Valérie(Laurence Arné) droht Gautiers Gefühlswelt gehörig durcheinander zu bringen.

Geld auszugeben löst Panikattacken bei Gautier aus, so wundert man sich nicht, ihn in einer Einstellung auf der Couch eines Therapeuten liegend zu sehen. Wie sich herausstellt, ist es jedoch sein Banker - Gautier würde niemals Geld für eine Therapie ausgeben -, der dem Sparfuchs wiederholt seinen Kontostand vorlesen muss (250,456,- Euro). Der Banker gibt seinem besten Kunden jedoch keine Anlagetipps, sondern rät ihm sehr französisch, aber etwas berufsuntypisch, doch endlich mal etwas von seinem Geld auszugeben, etwa um die schöne Cellistin zum Essen auszuführen. Das leuchtet Gautier ein, doch er entwickelt lieber einen Plan, die schüchterne Kollegin kostenfrei auszuführen - was natürlich in einem Fiasko enden muss.

Als eines Tages ohne Vorwarnung die 16-jährige Laura (Noémie Schmidt, 25) vor seiner Tür steht und ihm offenbart, dass sie seine Tochter ist, will Gautier ihr kein Wort glauben. Er fürchtet einen Trickbetrug und versucht sie abzuwimmeln. Doch Laura gibt nicht auf und schlägt solange Lärm, bis ihr Vater sie aus Scham vor den Nachbarn einlässt. Es stellt sich heraus, dass sie die Frucht einer einzigen Liebesnacht mit einer fast vergessenen Jugendliebe ist, die, von ihm zur Kontrolle angerufen, die Geschichte Lauras bestätigt und Gautier an das damals von ihm verwendete abgelaufene Kondom erinnert. Er solle sich vier Wochen um Laura kümmern, da sie, die Mutter, mit ihrer Harfe auf Tournee nach Indien müsse. Höchst unwirsch lässt der geizige Geiger dies zu, verlangt sogar Miete von Laura. Doch diese wirbelt sein Leben auch in positiver Weise durcheinander, bis hin zu seiner Läuterung nach Enthüllung eines dunklen Geheimnisses.

Fred Cavayé und Dany Boon

Regisseur Fred Cavayé, bislang mit drei Thrillern aufgetreten, (Ohne Schuld, Point Blank, Mea Culpa), knüpft mit dieser Komödie an humoristische Kurzfilme früher Schaffensphasen an. Im Tempo seiner Inszenierung verknüpft er Spannung mit Herz und Humor. Dany Boon gibt mit Bravour den zwar sympathischen, aber zwangsneurotischen Pfennigfuchser. Frankreichs Top-Comedian Dany Boon schrieb 2008 Filmgeschichte mit seiner Komödie “Willkommen bei den Sch’tis” - mit Buch, Regie und als Darsteller: Mit 20 Millionen Besuchern löste er Louis de Funès als Publikumsliebling der Gallier ab (in Deutschland kamen immerhin noch 2 Millionen). Mit seinem Film “Der Superhypochonder” widmete er sich schon 2013 einem klassischen Komödienthema Molièrs. Nun, unter fremder Regie, beweist er auch Molièrs „Der Geizige“ gewachsen zu sein. Freilich nur im weitesten Sinne, denn anders als das um Werktreue bemühte „Louis, der Geizkragen“ (1980) von Louis de Funès, ist „Nichts zu verschenkennur dem Thema Geiz verpflichtet.

Fred Cavayé bewegt sich zwischen Märchen, Liebesfilm und Komödie. Man erinnert sich an Dany Boon in der genialen Actionkomödie „Micmacs - uns gehört Paris“ (2009, Regie Jean- Pierre Jeunet), aber auch an die Scheidungs-Komödie „Eyafjallajökull“ (2013, Regie Alexandre Coffre) wo Boon sich erbitterte Wortgefechte mit der Ex lieferte. Hier knüpfen seine Telefonate mit Lauras Mutter an, doch meist gibt sich Geiger Gautier wortkarg. Dies lässt eher an Rowan Atkinson denken, dem Boon in der französischen Fassung „Bean, le film le plus catastrophe1997 die Synchronstimme lieh.

Quasi als „Mr.Bean mit Baguette“ stolpert Boon jetzt geizig-egoistisch und dennoch sympathisch durch die Katastrophen seines Violonistenlebens. Eine Schlüsselszene von 1997 lebt im aktuellen Film andeutungsweise wieder auf: Mr.Bean ist im genannten Film ein Londoner Museumswächter, der -in den USA für einen Kunstkenner gehalten- eine Rede auf ein berühmtes Gemälde halten soll. Wider Erwarten verblüfft er Museums – wie Filmpublikum durch eine grandiose und anrührende Ansprache. Boon kann hier an seine Bean-Adaptation anknüpfen, wenn er – ähnlich absurd – plötzlich zum Hauptredner einer Spendengala wird. Regie, Haupt- und Nebenrollen überzeugen: Hochkomisch, fintenreich und mit viel Herzblut - eine empfehlenswerte Komödie aus Frankreich.

 

Elle (Frankr./BRD/Bel. 2016, Kinostart 16.02.2017)
Regie:
Paul Verhoeven
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 20.02.2017

Paul Verhoevens neuer Film nach langer Zeit. Thriller, Gesellschaftsdrama und Satire. Und das bitterbös und kontrovers. Der niederländische Regisseur lässt seine Hauptfigur von Isabelle Huppert spielen. Eine starke Frauenfigur und ein Glücksgriff für diesen mutigen Film, in dem sie mit Gewalt, mit  Vergewaltigung und letztlich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Verhoeven hat starke, ausdrucksstarke Bilder dafür gefunden. „Elle“ ist auch für den Auslandsoscar nominiert worden.

Eine kleine, rothaarige Frau , Michéle (Isabelle Huppert) kommt abends zurück in ihre Vorstadtvilla. Dann – ein Riesenkrach, die Türscheibe klirrt – stürzt sich ein schwarz maskierter Mann herein und vergewaltigt sie.  Geschirr geht zu Bruch, Gläser klirren, Stöhnen wird unterdrückt und eine Katze schaut mit starrem Gesicht zu.

Nachdem der Peiniger weg ist, braucht Michéle nicht lange, um zur Tagesordnung über zu gehen. Die verunreinigten Kleidungsstücke werden entsorgt, Sushi beim Lieferservice bestellt und ein Bad genommen, bei dem keine Aggression mehr zu spüren ist, nur ein wenig Blut mischt sich mit dem Badeschaum. Dann besucht sie ihr Sohn, der mit seiner Freundin und Mietproblemen nicht klar kommt. Michéle geht übrigens nicht zur Polizei.

Diese Kälte und Distanziert irritiert, macht die Figur Isabelle Hupperts nicht unbedingt zur Sympathieträgerin. Sie verhält sich auch im Freundeskreis so, informiert kurz und knapp eine kleine Runde beim Essen davon. Dabei ihr Liebhaber Robert (Christian Berkel), der Mann ihrer Freundin und Firmenpartnerin Anna (Anne Consigny), nur weiß diese noch nichts davon. Die beiden Frauen sind Inhaberinnen einer erfolgreichen IT-Firma, die sich auf Computerspiele mit absurd-erotischen Inhalt spezialisiert hat. Michéle ist dort alles andere als beliebt, was Rachevideos mit der Chefin in Vergewaltigungsszenen zur Folge hat. Monster sind bei der Belegschaft dafür sehr beliebt. Und Monster spielen bei der Überarbeitung der aktuellen Produktion die entscheidende Rolle. Thema: Sex mit langen Tentakeln.

Mit der Zeit kommt die Vergangenheit von Michéles Leben ans Tageslicht, so taff ist es nicht gewesen. Der Vater ein Massenmörder, der nach wie vor im Gefängnis sitzt, die Mutter, die junge Liebhaber und Schönheits-Operationen braucht. Der Sohn fällt vor allen Dingen durch seine Labilität auf. Alles Gründe, zu versuchen, ihr Leben im Gleichgewicht zu halten. Lust spielt aber immer mit. Sie nimmt eine größere Rolle als man vielleicht annehmen würde. Da ist zum Beispiel der attraktive Nachbar Patrick (Laurent Lafitte), der mit einer fanatischen Katholikin verheiratet ist. Ganz schön aufdringlich der Banker. Womit wir bei einer Gesellschaftssatire angelangt sind. Begonnen hat der Film als reiner Thriller. Gegen Ende vermischt sich alles. Es entstehen mehrere Ebenen. Der Triebtäter ist gar nicht so weit entfernt. Ein ominöser Cyberstalker setzt ihr zudem mit Phantasien auf digitaler Ebene zu.

Paul Verhoeven überschreitet Grenzen mit Leichtigkeit. Die Bourgeoisie zerstört sich  allmählich selbst, das vermittelt ebenso die Romanvorlage „Oh ...“ von Philippe Dijan. Man kann es nachvollziehen. Isabelle Huppert zwischen Lust und Last, Nuancen ihrer Ambivalenz kann man in ihrem Gesicht verfolgen, ebenso manche amüsante Momente. Das ist die Stärke der französischen Mimin, Verhoeven weiß das und sorgt mit ihrer Hilfe für einen Strom, der den Zuschauer mitreißt, ihn gleichzeitig aber auch verstört.

 

Der Eid (Island 2017, Kinostart 09.02.2017)
Regie:
Baltasar Kormákur
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 13.02.2017

Islands Star-Regisseur Baltasar Kormákur hat mit „Everest“, „2 Guns“ und „Contraband“ in Hollywood reüssiert, dann aber Blockbuster-Angebote ausgeschlagen und nun wieder in seiner Heimat einen düsteren, packenden und kontroversen Thriller gedreht. Ein erfolgreicher Chirurg verliert seine Tochter im Drogensumpf. Ihr Freund hat sie mit Rauschmitteln versorgt und der Arzt will sein Kind retten – überschreitet dabei Grenzen und wird zur grausamen Bestie im Menschen. Kormákur spielt diesen verzweifelten wie getriebenen Vater selbst.

Baltasar Kormákur ist quasi der Tausendsassa des isländischen Films. Schauspieler auf der Bühne, in Film und Fernsehen, Autor, Regisseur und Produzent, der gerade kommt aus Hollywood zurückkommt, wo er „Everest“, „2 Guns“ gedreht hat.

Die winterliche Weite und Kargheit Islands bildet den adäquaten Rahmen für seinen neuen Film „Der Eid“. Dort, in einem Vorort von Reykjavik lebt der Chirurg Finnur (Baltasar Kormákur) mit seiner jungen Frau und einer kleinen Tochter. Der erfolgreiche Arzt kann zufrieden sein, sein Haus ist ein geschmackvoller Neubau, für seine Familie ist er ein liebevoller Ehemann und Vater, bei seinen Kollegen im Krankenhaus genießt er Respekt und Anerkennung. Sein Hobby ist Triathlon, was visuell auf der Leinwand besonders wirkt. Einsame Fahr- und Lauf-Strecken durch die winterliche Landschaft, schwimmen im eiskalten Atlantik. Ihm kann eigentlich doch keiner etwas anhaben.

Dann kommen allmählich die ersten Erschütterungen. Sein Vater ist gestorben und seine 18jährige Tochter Anna (Hera Hilmar) verspätet sich bei der Beerdigung. Sie stammt aus einer früheren Ehe, lebt mit ihrem Freund Óttar (Gisli Örn Gardarsson) zusammen und feiert gerne. Finnur erfährt von Annas Drogensucht und ist überzeugt, dass Óttar sie in diesen Sumpf reingezogen hat.

Einem Mensch, der alles im Griff hat, ist diese Situation unerträglich. Aber es kommt noch schlimmer. Finnur kann Annas Motive nicht verstehen. Trotzdem will er sie aus dem Drogensumpf ziehen, seine Familie schützen, mit allen Mitteln und Óttar droht mit brutalen Konsequenzen. Damit werden sie in eine Spirale der Gewalt gezogen. Heraus kann Finnur nicht mehr. Heraus kommt dabei aber immer stärker das Tier, die Bestie im Menschen. Es versperrt die Rückkehr zu jeglicher Rationalität. Ehe er sich versieht, ist Finnur in kaum lösbare innere Konflikte verstrickt. Die Familie bekommt von all dem dagegen nichts mit.

Kormákur verhandelt in seinem eiskalten Thriller, wie der Arzt, wie überhaupt unsere Spezies leicht über moralische Grenzen springen kann. Der hippokratische Eid, die Grundlage medizinischer Ethik, bildet dann auch kein Hindernis mehr. Sie kommt unter die Räder.

Insofern bildet das winterliche Island die ideale Kulisse für diesen Gänsehaut fördernden Film, die alles noch verstärkt. Die Isländer strömten jedenfalls in die Kinos. Es ist der bisher erfolgreichste Streifen auf der Insel.

 

The Salesman (BRD 2017, Kinostart 02.02.2017)
Regie:
Asghar Farhadi
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 08.02.2017

Der iranische Meister-Regisseur Asghar Farhadi hat das Psychogramm eines Ehepaares in Teheran durch einen brutalen Zwischenfall durcheinander gebracht. So schnell kann aus dem trauten Zusammenleben ein Ehedrama werden. Um die Zensoren des Regimes auf Abstand zu halten, hat Farhadi zwei Ebenen konstruiert: Die reale Alltagsebene und eine Off-Bühne, auf der das Paar nach Feierabend Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ einübt. Das bietet symbolhaften Raum für die Verwerfungen des Lebens, für eine neue Verhandlung von Schuld und Moral. Großartig inszeniert und gespielt – und für den Auslandsoscar nominiert. Den Darstellerpreis für Shahab Hosseini und den Preis für das beste Drehbuch hat der Film in Cannes schon bekommen.

Das Ehepaar kommt wiederum aus der gebildeten Mittelschicht. Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti) haben sich in Teheran eingerichtet und sind zufrieden. Nun lässt Asghar Farhadi (das ist typisch für seine Arbeitsweise) etwas Unvorhergesehenes passieren. Das Mietshaus bekommt durch benachbarte Bauarbeiten Risse und droht einzustürzen, zumal die Gasleitungen in Mitleidenschaft gezogen wurden und das Fundament absackt. Die Bewohner müssen das Gebäude umgehend verlassen und sind ganz plötzlich obdachlos.

Sie haben noch einmal Glück. Ein Kollege vom Off-Theater, mit dem sie Arthur Millers Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ (Originaltitel: „The Salesman“) proben, kann eine Ersatzwohnung vermitteln. Schnell getan. Nur ein Manko hat diese Wohnung: Die Vormieterin genoss nicht den besten Ruf in der Nachbarschaft. Offensichtlich hat es sich um eine Prostituierte gehandelt. Näher geht Farhadi darauf aber nicht ein. Diese Bezeichnung wird im übrigen von keinem in den Mund genommen. Ein Tabu.

Wesentlich ist der nächste Einbruch im Leben von Emad und Rana, der im wahrsten Sinne tatsächlich einer ist. Eines Abends klingelt es, Rana geht davon aus, dass ihr Mann kommt, lässt die Tür angelehnt und geht wieder unter die Dusche. Ein fataler Fehler.

Ein älterer Mann, so Rana später, sei in die Wohnung und Dusche eingedrungen, hätte sie überfallen und verletzt. Den Vorfall selbst zeigt der Regisseur aber nicht. Rana ist von da an verstört und durcheinander, zur Polizei will sie dennoch nicht. Entschlossen macht sich Emad nun auf, den Eindringling selbst aufzuspüren. So kann aus einem kultivierten Mann ein von Vergeltung und Rache besessener Mensch werden. Und der Film wird jetzt ein spannender Thriller.

Und damit bekommt auch die Beziehung zwischen den beiden allmählich Risse. Risse, die immer verwirrender auf sie wirken, vieles andere in Frage stellen und damit zerstörerisch werden. Das wirkt sich bis auf ihre Bühnenarbeit aus. Die Bühne, die mit dem Miller-Stück einen Bogen von Iran bis in die USA schlägt und umgekehrt.

Asghar Farhadi setzt vorwiegend eine Handkamera ein, um bei seinen Beobachtungen näher dran zu sein und weniger die Ästhetik zu betonen. Ihm geht es mehr um die innere Wahrheit, mit der man sogar in einer Theokratie die Zensur auf Distanz halten kann. Am Schluss stirbt ein Handlungsreisender, gemeint ist dabei nicht unbedingt Arthur Millers Figur im Theater.

 

Kundschafter des Friedens (BRD 2017, Kinostart 26.01.2017)
Regie:
Robert Thalheim
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 02.02.2017

Vier DDR-Altstars voller Spiellaune vor der Kamera: Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Thomas Thieme und Winfried Glatzeder. Vier Ex-DDR-Agenten mimen sie, die dem Bundesnachrichtendienst aus der Klemme helfen sollen. Aber bitte nur analog. Diese Agentenkomödie von Robert Thalheim verspricht kurzweilige Unterhaltung und hält das auch.

Zunächst einmal: Den Begriff „Kundschafter des Friedens“ gab es wirklich in der DDR. Es war die offizielle Bezeichnung für Agenten des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) im Auslandseinsatz.

Das ist ja nun schon seit rund dreißig Jahren Geschichte. Ehemalige Top-Auslandsagenten der DDR fristen nun mehr oder weniger zufrieden ihren Ruhestand. Jochen Falk (Henry Hübchen) ist so ein Ex-Zonen-Bond, der vormittags in abgetragenen Klamotten die ersten Bierchen des Tages kauft. Was ihm gar nicht auffällt – wer denkt da jetzt noch dran? Der BND (Bundesnachrichtendienst) ist hinter ihm her. Er wird nämlich gebraucht, weil er „Katschekistan“, irgendwo im fernen Zentralasien, von früheren Einsätzen her kennt, und gute Kontakte zum KGB hat. Und weil modernste Aufklärungstechniken bei diesem Fall versagen. Dafür nun alte Stasi-Rentner. Diesen Coup kann man eigentlich nur in einer Posse landen.

Robert Thalheim, der sich nicht nur für gebrochene Biographien der DDR interessiert, greift auch in die Filmkiste der 60er und 7oer Jahre und hat „Die glorreichen Sieben“ im Blick, als er die Rekrutierung des restlichen Teams inszeniert: Jacky (Michael Gwisdek) und Locke (Thomas Thieme), später noch der Ex-Romeo-Agent Harry (Winfried Glatzeder). Ehemalige MfS-Kundschafter-Stars und gleichzeitig ehemalige DDR-Bühnen- und Filmstars – die im übrigen längst in der vereinten Republik reüssiert haben.

Die Einführung der „Helden“ haben die Macher als sogenannte Splitscreens konstruiert, retrofarbig, rasant, mit lässig-dynamischem Soundtrack untermalt – ebenfalls eine Huldigung an die Sixties und Seventies.

Vor allem. Die Protagonisten durften in der Kiste schauspielerischer Stilmittel wie Dialog-Witz, Komik, Selbstironie und Coolness greifen, die sie voller Spiellaune anwenden, wobei der Widerspruch zwischen Selbstüberschätzung und Realität ein erfolgreicher Kniff ist. Das macht nicht nur den Darstellern Spaß, sondern auch dem Zuschauer. Geiselnahme, Sprengkörper-Entschärfung und dergleichen müssen natürlich dabei sein. Manches Abgleiten in den leidigen Klamauk – gegen Schluss - ist dafür überflüssig.

 

Suburra (Italien/Frankreich 2015, Kinostart 26.01.2017)
Regie:
Stefano Sollima
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 28.01.2017

Rom hinter der Postenkartenidylle – ein Kriegsschauplatz für Kirche, Politik, miesen Geschäften der unterschiedlichsten mafiösen Banden, ungeschminkt, voller Korruption, Verrat und Rache, ausgefochten mit brutalen Mitteln. Die Beteiligten sind bereit, jederzeit über Leichen zu gehen, Geschacher hinten und vorne. Das ist der Plot nach einem Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini. Absolut spannendes und unvorhersehbares Kino.

Im antiken Rom wurde ein verrufenes Stadtviertel Suburra genannt. Das Rotlichtviertel gewissermaßen, wo Arm und Reich miteinander verkehrten. Nicht nur zum Vergnügen, sondern auch um zweifelhafte Geschäfte zu machen.

Suburra in der heutigen Zeit ist viel breiter aufgefächert. Es ist quasi überall in Rom. Und so beginnt die Geschichte im Vatikan. Der Papst (vermutlich Ratzinger) betet in einem Raum und der Zuschauer wird informiert, dass es noch sieben Tage bis zur Apokalypse sind. Ein getragener Klangteppich wabert über das Geschehen. Der Papst teilt soeben einem Priester seine Rücktrittsabsicht mit. Die Vatikan-Bank ist nicht weit. Kardinal Berchet (Jean-Hugues Anglade), der engste Verbindungen zur Bank hat, kungelt mit Würdenträgern des Staatsapparates.

Im italienischen Parlament triumphiert derweil der konservative Parlamentarier Filippo Malgradi (Pierfrancesco Favino), weil er notwendige Stimmen für die Abstimmung über ein umstrittenes Casino-Projekt in Ostia an der Küste gewinnen konnte. Der korrupte Politiker feiert in der folgenden Nacht seinen Erfolg mit zwei Prostituierten in einem Luxus-Hotel. Drogen und Sex, mehr als genug, und die jüngere der beiden Frauen überlebt das nicht – Malgradi schert sich nicht darum und erteilt der anderen Gespielin die Order, die Leiche möglichst unauffällig zu beseitigen. Das alles bei prasselndem Regen auf Roms Dächer. Gewissermaßen ein Vorbote der angekündigten Apokalypse in sieben Tagen.

Die besagte Frau ruft einen Freund zu Hilfe, der Mitglied eines Zigeuner-Clans ist, der mit allen Mitteln versucht, in Rom Fuß zu fassen. Damit wird eine Lawine von Gewalt ausgelöst, die der Pate von Rom, genannt der „Samurai“, in den Griff zu kriegen versucht, indem er ebenfalls über Leichen geht. Er versucht, um nichts anderes geht es ihm, den Immobilien-Deal zu retten. Suburra ist wirklich überall. Und tut nur noch weh.

Das macht den Politthriller sehenswert. Es ist die ungeschminkte Authentizität, die einem beim Zuschauen packt. Düstere Stimmungen, Realismus - unterstützt durch kontrastreiche Lichtsetzung, elektronischer Synthesizer-Sound, der die Atmosphäre verdichtet. Vor allem aber gekonnte Darstellerleistungen.

Übrigens, sieben Tage später trat Silvio Berlusconi zurück. Das gehört aber nicht zum Film.

 

Diamond Island
(
BRD/Frankr./Kambodscha/Katar/Thailand. 2016, Kinostart 19.01.2017)
Regie:
Davy Chou
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 25.01.2017

Jugendliche, die aus ihren Dörfern in die Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh kommen, um auf einer Großbaustelle Geld zu verdienen, in der Hoffnung natürlich, ein wenig große, weite Welt zu schnuppern. Es ist der erste Spielfilm des französisch-kambodschanischen Regisseurs Davy Chou. Er will damit zeigen, wie das kleine, von Krieg und Staatsterror gebeutelte Land versucht, einen Wandel zur Moderne zu vollziehen in einer neuen Stadt vor Phnom Penh. Eine künstliche Welt in einem Land, dass nach wie vor von der bäuerlichen Welt dominiert wird.

Der 18jährige Bora ist einer von vielen Jugendlichen, die ihre Dörfer verlassen, um in der Hauptstadt Phnom Penh ihr Glück zu suchen. In seinem Spielfilm-Debüt zeigt Regisseur Davy Chou, wie sehr sich junge Menschen nach mehr Lebensqualität sehnen, Abenteuer erleben, Mädchen kennenlernen und etwas Glück für sich erobern wollen.

Jobs werden für die Baustellen auf einer Insel vor Phnom Penh angeboten. Das Entgelt ist allerdings gering: 150 Dollar pro Monat. Es reicht kaum für nächtliche Vergnügungstouren und für Mopeds, um über die Brücke in die Stadt zu kommen. Die Insel heißt Koh Pich und wird auch Diamond Island genannt. Geplant sind moderne Wohnkomplexe, Casinos und Shopping Malls – alles luxuriös. Wer dort wohnen und Geld ausgeben soll, steht eigentlich noch in den Sternen. Viele reiche Bewohner hat das südostasiatische Land nicht. All zu sehr hat es unter den massiven Bombenangriffen der Amerikaner während des Vietnam-Krieges und unter dem fürchterlichen Staatsterror der Roten Khmer unter Pol Pot gelitten.

Bora und seine Freunde suchen fast kindlich ihr kleines Glück – der Staat orientiert sich an Aufsteiger-Staaten in der Nachbarschaft und versinkt im Größenwahn. Er will unbedingt Anschluss an die Moderne kriegen. Und die jungen Menschen vom Land wollen sich einerseits von Traditionen lösen, andererseits wissen sie nicht, wie sie mit einer vagen, modernen Zukunft umgehen sollen. Das weiß dort in Wahrheit wohl keiner so genau.

Davy Chou hat diese Vorgänge mit Mitteln des Video-Clips gefilmt. Ton- und Bild kommen in einer atmosphärischen und ästhetischen Mischung daher, die viel Reibung verursacht. Greller Sonnenschein tagsüber kontrastiert mit dem nächtlichen Neon-Funkeln der vielen Lichter drumherum. Melancholie durchzieht die Handlung, und der Glaubwürdigkeit können die gecasteten Laiendarsteller nur gut tun.

 

Plötzlich Papa (Frankr. 2016, Kinostart 05.01.2017)
Regie:
Hugo Gélin
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 19.01.2017

Seit „Ziemlich beste Freunde“ ist Omar Sy der französische Star des Gute-Laune-Kinos. Im neuen Film „Plötzlich Papa“ hat er die Locations gewechselt und sorgt für Schenkel-Klopfer an der Côte d'Azur und in London. Dabei hat der Sorglos-Single eigentlich keinen Grund dazu. Er erfährt, dass er Vater einer kleinen Tochter ist, und braucht zwei Stunden, bis er ein anderer Mensch geworden ist. Das verdirbt nicht die Laune, ist an manchen Tagen vielleicht besser, als bei diesem Winterwetter draußen herumzulaufen.

Was verbindet der Freund des französischen Happy-Kinos mit dem Namen Omar Sy: Ständig gute Laune, lockere Sprüche, es krachen lassen, mit dem Sex-Appeal kokettieren, einfach nicht erwachsen werden. Paradeeigenschaften, die Sys Filmen volle Kassen bescherte.

Darauf kann man aufbauen, haben sich die Macher um Hugo Gélin gesagt, und im neuen Werk die Handlung zuerst an der Côte d'Azur angesiedelt, wo der Tausendsassa einen Boots- und Yachtführer darstellt, der die solvente Kundschaft an der Küste hin- und her schippert. Anschließend mit den weiblichen Schönheiten einen Apres Yacht zu nehmen, um hinterher die Damen gleich noch zu vernaschen. Ein sorgloses Leben.

Das jäh unterbrochen wird. Ein flotter Dreier ist noch drin, dann steht eine junge Frau, Kristin (Clémence Poésy), auf der Pier mit einem Baby im Arm und bittet den verdatterten Samuel, sich um die kleine Gloria zu kümmern. Sie selbst wäre als Mutter überfordert. Sprach's und verschwindet mit einem Taxi. Das kann den Frauenheld nicht erschüttern – doch, zuerst ein wenig schon – und sitzt im Flugzeug Richtung London mitsamt Baby, um Kristin dort zu suchen. Finden tut er sie nicht, dafür einen freundlichen, schwulen, französischen Filmproduzenten Bernie (Antoine Bertrand), der ihm Wohnraum anbietet.

Was will man mehr. Töchterchen bekommt einen bunt ausgestatteten Loft. Samuel einen Job von Bernie als Stuntman. Und die nächsten acht Jahre ziehen im Schnelldurchlauf vorbei. Ein starkes, lebenslustiges Team bilden nun Vater und Tochter. Wie eine gut geölte Maschinerie kommt einem das Ganze vor. Natürlich blitzen hie und da witzige und originelle Einfälle auf. Dennoch alles wirkt glatt, perfekt, gewollt, auch wenn Omar Sy und vor allem Tochter Gloria (Gloria Colston) als sympathische Figuren erscheinen, die gegen den finalen Druck auf die Tränendrüse obendrein recht machtlos sind.

Dann taucht plötzlich Kristin auf, die in New York wohnt. Sie hat Sehnsucht nach ihrer Tochter und weiß nicht, dass Samuel Gloria von einer Mutter geflunkert hat, die weltweit als Agentin unterwegs ist. Clémence Poésys Rolle erweist sich nun als interessant. Wer hätte das gedacht, diese Ambivalenz, sogar mit einigen Facetten. Trotzdem – den Film möglichst nur anschauen, wenn man wirklich nichts besseres zu tun hat. Oder – das mexikanische Original, das auf DVD erhältlich ist, sich zu Gemüte führen. Diese Version soll mit Abstand besser sein.

 

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki
(
Finnland/Schweden/BRD. 2016, Kinostart 05.01.2017)
Regie:
Juho Kuosmanen
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 15.01.2017

Aus Finnland kommt ein Film in die Kinos, der einen, den wichtigsten, Tag des Boxers Olli Mäki erzählt. Das war 1962. Er gilt auch heute noch als einer der talentiertesten und besten Vertreter des Boxsports seines Landes. Damals musste er sich entscheiden … Ein in schwarz-weiß gedrehter Film, voller Melancholie, feinem Humor und gleichzeitig eine Hommage an die Freiheit. Dafür gab es in Cannes den Hauptpreis in der Sektion „Un Certain Regard“.

Es gibt viele Boxerfilme – etwa „Wie ein wilder Stier“ - bei denen der entscheidene Kampf im Mittelpunkt steht, voller explosiver Gewalt. Bei dem neuen finnischen Film über Olli Mäki steht ein ganz anderer Kampf im Fokus. Sommer 1962: Nur zwei Runden im Kampf um die Box-Weltmeisterschaft im Federgewicht werden gezeigt.  Dann ist der Fight vorbei. Hier geht es vielmehr um den Kampf zwischen Sporttriumpf und der Hingabe an die frische, große Liebe Raija (Oona Airola).

In grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern schildert  Regie-Newcomber Juho Kuosmanen, wie das junge Boxtalent Olli Mäki von seinem ehrgeizigen Manager Elis (Eero Milonoff) zu einem Weltmeisterschaftskampf im Federgewicht gegen den US-amerikanischen Titelverteidiger Davey Moore gedrängt wird. Elis hat schon alles arrangiert. Der Termin steht fest, PR-Maßnahmen mit der Presse und dem Fernsehen vereinbart, Sponsoren-Partys und Foto-Shootings veranstaltet, das Training nach Helsinki verlagert. Schließlich soll der junge Profi-Boxer Olli noch ein paar Kilo abnehmen, um in die nächst niedrigere Gewichtsklasse – dem Federgewicht - zu passen.

Olli legt aber Wert darauf, dass Raija mitkommt, während Manager Elis an eine große, positive Wendung durch den angepeilten Titel glaubt – vor allem für ihn selbst. Er steckt nämlich in finanziellen Schwierigkeiten. Doch sein Schützling ist Eigenbrötler, verträumt und zweifelnd. Er hat Angst, dass ihm alles über den Kopf wächst. Und Raija reist zurück aufs Land.

Der große Tag, der 17. August 1962, kommt näher und der innere Kampf des Olli Mäki neigt sich dem Ende zu. Er weiß nun, was er will. Boxen, warum nicht. Gewinnen um jeden Preis - überhaupt nicht. Und Glück ist ohne Bescheidenheit nicht zu erreichen. Und er will mit Raija glücklich sein. Deshalb ist es ihm egal, ob er einen Boxkampf gewinnt oder verliert. Dafür hat er seine Liebe und seine Freiheit gewonnen

Das ist alles sehenswert inszeniert, mit Gespür für feinen Humor, voller Lakonie und Melancholie – und voller Wärme. Auch wenn vieles stilistisch an die Filme des finnischen Regie-Stars Aki Kaurismäki erinnert – die Schlusssequenz wäre dem Altmeister vielleicht gar nicht eingefallen. Dabei hat gerade sie etwas besonderes: Das Film-Paar begegnet bei einem Spaziergang einem alten Paar, bei dem es sich tatsächlich um den echten Olli Mäki mitsamt Raija handelt.

 

Bob, der Streuner (GB/USA. 2016, Kinostart 12.01.2017)
Regie:
Roger Spottiswoode
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 12.01.2017

Katzen schaffen es manchmal zur Berühmtheit, zumindest Kater Bob in London - ein Star der Straßenkatzen. Er, der seinem neuen Gefährten James Bowen den Weg aus der Trostlosigkeit, aus dem mühseligen Dasein des Straßenmusikers und Drogenabhängigen zu einem besseren Leben verhilft. Daraus wurde ein  Besteller auf dem Buchmarkt, nun streunt er über die Kinoleinwand. Der echte Bob macht auch mit. Es ist ja eine wahre Geschichte.

Dass Feelgood-Stories einen wahren Hintergrund haben, ist ziemlich selten. Bei Bob, dem Streuner ist das anders. Da wird mal wieder deutlich, dass das Leben die schönsten Stories liefert. Nicht nur Katzenfreunde werden begeistert sein, sondern jeder, der nach etwas optimistischem sucht.

Dies war erst eine Romanvorlage, an der James Bowen mitschrieb. Erfolgreich war die Autobiographie und es wurden gleich mehrere Bücher daraus. Einmal eine Vermarktung, die dem Betroffenen hilft, auf die Beine zu kommen. Denn James lebt in der Trostlosigkeit, versucht mit der Gitarre auf der Straße – rund um den Covent Garden Market – ein wenig Geld zu verdienen, das allerdings an manchen Tagen noch nicht einmal für ein bisschen Fast-Food ausreicht. Die nette Sozialarbeiterin Val (Joanne Frogatt) versucht ihn mit dem Methadon-Programm von seiner Heroinsucht zu befreien. Und vermittelt ihm sogar eine kleine Sozialwohnung in einem Londoner Vorort. Woher aber die nötige Disziplin dafür nehmen?

Nicht jeder ist so hilfsbereit und entsprechend verständnisvoll. Viele Menschen lassen ihn links liegen, es steht ja Weihnachten vor der Tür und Geschenke müssen noch besorgt werden. Da verhallt die Musik. Ein christliches Fest in der Wohlstandsgesellschaft. Dann ist da noch Bez (Darren Evans), ein Junkie-Kumpel aus früheren Tagen, der sich nur selbst belügen und nicht mehr herauskommen kann aus der Misere. Im übrigen ist das Verhältnis zu James' Vater (Anthony Head), gelinde gesagt, verkorkst.

Bis ein rothaariger Kater diese einsame Tristesse eines Tages jäh unterbricht. Das Tier ist verletzt, sucht Schutz und etwas zu fressen. James weiß nicht was er machen soll. Er hat kein Geld für Futter, vom Tierarzt ganz zu schweigen. Also sucht er den Besitzer – ohne Erfolg. Betty (Ruta Gedmintas), eine tierliebe Nachbarin, vermittelt eine kostenlose Tierarztbehandlung und freundet sich mit James an. Sie ermuntert ihn das Tier, das sie Bob nennt, zu behalten. Bob weicht von nun an nicht mehr von James Seite, fährt sogar mit im Bus zur Londoner City – und wird zum Star. Die Einnahmen wachsen, alle wollen dafür mit Bob fotografiert werden. „Ach, ist der süss!“ Bob hilft James damit und weiß es gar nicht. Aber er liebt sein Herrchen. Eben der Zauber zwischen Mensch und Tier.

Dann klopft ein Verlag an die Tür. Der erste Bob-Roman wird veröffentlicht. Er wird zum Bestseller. Der Rest dürfte bekannt sein.

Roger Spottiswoode („Under Fire“, „Der Morgen stirbt nie“) hat die Geschichte mit Luke Treadaway als James besetzt und damit einen sympathischen Protagonisten gefunden, der Herzen gewinnen kann. Auch wenn die Grenze zum süßen Kitsch manchmal gestreift wird, ist der Film ziemlich milieugerecht geworden und zudem äußerst warmherzig. Übrigens, der echte Bob gehört auch zu den eingesetzten Katzen. Das hat er sich einfach nicht nehmen lassen.

 

Die Überglücklichen (Italien/Frankr. 2016, Kinostart 29.12.2016)
Regie:
Paolo Virzi
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 08.01.2017

Paolo Virzi hat mit „Die süße Gier“ das Finanzsystem aufs Korn genommen. Für seinem neuen Film stellt der Regisseur zwei amtlich bestätigte psychisch Kranke in den Mittelpunkt. Dahinter steckt beissende Kritik am italienischen Gesundheitssystem. Die Geschichte der beiden Frauen hat er derart krass  überzeichnet, dass es zwangsläufig auf eine schrille Satire hinaus läuft – mit viel Herz und Menschlichkeit, sympathisch wie charmant. Das liegt vor allem an den Hauptdarstellerinnen Valeria Bruni Tedeschi und Micaela Ramazzotti, die ein Feuerwerk der Emotionen zünden.

Beatice (Valeria Bruni Tedeschi) ist eigentlich Gräfin und heißt genaugenommen Maria Beatrice Morandini Valdirana und spielt sich in der gehobenen psychiatrischen Klinik Villa Biondi gerne als Chefin auf, quasselt überall rein, ob im Garten, ob bei Neuankömmlingen, und fordert züchtiges Benehmen von den Angestellten. Manisch-depressiv ist sie, die Adelige, die eine Affäre mit einem Betrüger hatte und nun als schwarzes Schaf der Adelsfamilie Patientin, wie jede andere, in der offenen Psychiatrie ist. Die Einrichtung liegt in der grünen, sonnendurchfluteten Toscana.

Donatella (Micaela Ramazzotti) wird neu in die alternative Klinik gebracht, wegen schwerer Depressionen. Sie hat einen Suizid-Versuch hinter sich, worauf ihr kleiner Sohn zu einer Pflegefamilie kommt. Für sie beginnt sich Beatrice ernsthaft zu interessieren und beschließt, sie unter ihre Fittiche zu nehmen. Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können. Beatrice lässt das nun mit der angeblichen Ärztin, die sie sonst so gerne spielt.

Die total in sich gekehrte Donatella beginnt unter Beatrices Einfluss langsam aufzuleben und der Drang auszubrechen, die Freiheit zu genießen wird immer größer. Bei der nächsten passenden Gelegenheit, der Arbeit in einer Gärtnerei, büxen sie aus zu einer irrwitzigen Fahrt durch die Toscana. Ein passendes Auto findet sich auch, geklaut natürlich. In dem Italien der sozialen Gegensätze und Korruption suchen sie natürlich nur erstklassige Restaurants auf, prellen cool die Zeche, nachdem sie exquisit gespeist haben und lassen sich auch sonst nicht an irgendeinen Pranger stellen. Sie sind auf einer Reise in die Vergangenheit - zu sich selbst, unglaublich und skandalös, voller satirischer Stiche und Dialogwitz.

Paolo Virzi macht sich dabei nie über seine Frauenfiguren lustig, hält aber den aufgekratzt heiteren Ton bis zum Schluss durch. Donatella kann ihrem Sohn nahe kommen, Beatrice ihrer Familie ganz und gar nicht. Mut zur Lebensfreude können sie dennoch gewinnen, erst recht, wenn sie zusammenhalten. Und was ist eigentlich „normal“? Das Anderssein oder das gesellschaftlich akzeptierte Verhalten? Es ist wert, darüber mal nachzudenken.

 

Einfach das Ende der Welt (Kanada/Frankr. 2016, Kinostart 29.12.2016)
Regie:
Xavier Dolan
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 03.12.2017

Das frankokanadische Regie-Wunder Xavier Dolan hat französische Top-Schauspieler über den Atlantik geholt, um ein Theaterstück von Jean-Luc Lagarce zu verfilmen. Es ist die Geschichte eines erfolgreichen Autors, der nach 12 Jahren wieder in die heimatliche Provinz kommt, um den Frieden mit seiner Familie zu finden, weil er nicht mehr lange leben wird. Mit Nathalie Baye, Vincent Cassel, Marion Cotillard und Léa Seydoux.

Der 27-jährige Erfolgsregisseur Xavier Dolan bringt nun schon seinen 7. Spielfilm in die Kinos. Um Konflikte zwischen Mutter und Sohn drehten sich bisher überwiegend seine Sujets. Jetzt rückt eine ganze Familie in den Mittelpunkt, insbesondere doch ein Sohn, der seine Familie in der kanadischen Provinz besuchen will – nach 12 Jahren.

Louis (Gaspard Ulliel) hat es in der Großstadt zum erfolgreichen Autor gebracht und möchte nun überraschend seine Familie wieder sehen. Er weiß, dass er todkrank ist und nicht mehr lange leben wird. Sein Besuch soll also ein Abschied sein – verständlich, wenn man langer Zeit unter diesen Umständen seinen Frieden mit der Familie machen will.

Aber er trifft auf eine sich entfremdende, krisengeschüttelte Familie. Alle reden aneinander vorbei, seine Mutter (Nathalie Baye), seine jüngere Schwester (Léa Seydoux), sein Bruder (Vincent Cassel) und seine Schwägerin (Marion Cotillard). Freude über das Wiedersehen mit dem Verlorengegangenen wird allmählich zur Lösung des Frusts über den Arrivierten. Es bricht vieles hervor. Die kleine Schwester hätte ihn so sehr gebraucht. Sein Bruder leidet unter dem Verlust des Selbstwertgefühls – er der kleine Handwerker, Bruderherz der große, erfolgreiche Schriftsteller. Damit kommt er nicht klar. Seine Frau, still, introvertiert, versucht den ihr kaum bekannten Gast zu verstehen. Und die Glucke der Familie, die grelle Mutter (Nathalie Baye), versucht mit Lautstärke den Laden zusammen zu halten, mit wenig Erfolg, wie man sehen wird.

Überhaupt Lautstärke. Sie dominiert, genau wie das Ansinnen, dem anderen ins Wort zu fallen und ihn nicht ausreden zu lassen. Das Hauptübel der Familien-Beziehungen wird sichtbar: Die Unfähigkeit zur Kommunikation. Und Louis kommt gar nicht dazu, den Grund seines Besuchs zu formulieren. Ein Theaterstück als filmisches Kammerspiel, das eigentlich keines mehr ist. Bleibt die Frage, was eigentlich Vincent Cassel umtreibt – der Schrillste der Protagonisten. Was der wohl immer nimmt? Es wäre interessant, das mal zu erfahren.

Und Xavier Dolan wollte etwas Spektakuläres aus dem Stoff machen - was das sein soll, bleibt im Nebulösen. Die Jury in Cannes jedenfalls, muss da anscheinend irgendetwas erkannt haben und verlieh dem Jungregisseur den Grand Prix der Jury.

 

Love & Friendship (Irland/Frankr./NL 2016, Kinostart 29.12.2016)
Regie:
Whit Stillman
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 31.12.2016

Regisseur Whit Stillman hat in Jane Austen eine ideale Autorin in Sachen bissiger Gesellschaftsbetrachtung gefunden. Ihr Briefroman „Lady Susan“ diente ihm als Vorlage für seinen neuen Film. Romantik ist dabei wenig zu spüren – es geht mehr um die Suche einer Frau nach finanzieller Sicherheit und gesellschaftlichem Prestige im England im späten 18. Jahrhundert. Wie immer bei Austen-Verfilmungen ist die Bildsprache, verbunden mit den prächtigen Kostümen, opulent gestaltet worden.

Sie ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, Lady Susan, vielmehr eine durchtriebene Intrigantin. Liebe geht nur über Geld – das war im späten 18. Jahrhundert. Deshalb wären auch allzu romantische Stimmungen fehl am Platze. Liebe ist erst dann möglich, wenn die ökonomische Basis stimmt. Sonst „sind wir nur zu Besuch“, wie sie ihrer Freundin Alicia Johnson (Cloe Sevigny) gegenüber einmal vermerkt. Manipulativ ist Lady Susan, boshaft und durchtrieben. Aber mit Kultiviertheit.

Whit Stillman („Metropolitan“, „The Last Days of Disco“) hat dieses nicht beendete Frühwerk Austens ausgegraben – es wurde noch nie verfilmt – und es als Drehbuch zu Ende geschrieben. Milieuschilderungen mit sprachlich zugeordneten sozialen Mustern, gewürzt mit pointierten und bissigen Dialogen sind seine Stärken, quasi seelenverwandt mit der englischen Autorin.

Lady Susan, adäquat dargestellt von Kate Beckinsale, die am liebsten von einem Adelsanwesen zu nächsten zieht, um eine passende Partie für sich zu finden, ist gerade von einem Landsitz geflogen und sucht Zuflucht auf Haus Churchill bei Charles, dem Bruder ihres verstorbenen Mannes und seiner Frau Catherine Vernon. Auch dieses Paar hat wenig angenehme Erinnerungen an Susan. Aber Mrs. Vernon hat einen jüngeren Bruder namens Reginald DeCourcy, der die Reize der Besucherin mehr als angenehm empfindet. Für ihre Tochter Frederica (Morfydd Clark) hat sie ebenfalls schon einen geeigneten Kandidaten im Auge: den unbedarften Sir James Martin (Tom Bennett). Doch Frederica macht ihrer Mutter einen Strich durch die Rechnung.

Soweit der Plot – eine Bühne par excellence für die Intrigen einer verführerischen und skrupellosen Frau. Man sollte sich gleichzeitig darüber bewusst sein, dass hier mit den Mitteln der Satire und Komödie die Standesgesellschaft Englands im 18. Jahrhundert entlarvt wird. Denn sie verteidigt ohne Romantik ihre Privilegien knallhart. Lady Susan hat ihre eigenen Strategien dagegen gefunden und lotet mit manipulativem Verhalten die Möglichkeiten aus, die ihr vielleicht offen stehen könnten, demnach ist sie doch irgendwie einnehmend, wenn sie versucht die Decke über der Freiheit aufzubrechen.

Whit Stillman hat dies spielerisch und pointiert verfilmt, nicht umsonst ist er mit seinen modernen New Yorker Yuppie-Komödien schon angenehm aufgefallen. Jane Austen jedenfalls, hätte bestimmt ihre Freude an diesem sehenswerten Film gehabt.
 

Vaiana – Das Paradies hat einen Haken
(USA 2016, Kinostart 08.12.2016)
Regie:
Ron Clements, John Musker
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 21.12.201
6

Um Stoff für die neueste Disney-Produktion zu bekommen, sind die Macher um die halbe Erde geflogen – in die Südseeparadiese Tahiti, Samoa und Fidschi. Aus ihren Ideen und Recherchen ist ein perfekt animierter Film geworden. Vaiana, die junge Prinzessin einer kleinen Insel fühlt sich berufen, ihr Volk zu retten, als durch einen Fluch die Kokosnüsse schlecht werden und keine Fische mehr in die Netze gehen. Ein rasantes, spannendes und beschwingtes Märchen in wundervollen Farben und mit viel Musik.

Die Entwicklungsabteilung der Disney-Studios produziert jeweils mit ihren Animationen eine Mixtur, bei denen Gemüt, Augen und Ohren immer auf ihre Kosten kommen – sprich Abenteuergeschichte inklusive Happy End. Prinzessinnen als Hauptfiguren, die aussehen, als ob sie an Bulimie leiden. Witzige Nebenfiguren. Buntes, knalliges Interieur. Schließlich einen Soundtrack, der einschmeichelnd auf Musical-Ebene liegt.

Im neuesten animierten Werk ist die Prinzessin zwar auch vorhanden. Aber Vaiana ist kein zerbrechliches Wesen, sondern ein beherztes Mädchen, dass keine Angst vor dem Wasser hat, dafür viel Mut, um in die Ferne zu schweifen. Das hat zwar ihr Vater verboten, wegen der gefährlichen Riffe und so, dennoch fühlt sich die taffe Tochter berufen, auszubrechen.

Der Grund: Durch einen geheimnisvollen Fluch verrotten die Kokosnüsse und andere Pflanzen. Fische gehen auch nicht mehr in die Netze. Eine Naturkatastrophe bahnt sich an. Zeit, dass etwas passiert. Von ihrer Großmutter über die Hintergründe des Fluchs und der Sesshaftigkeit der Insulaner ins Bild gesetzt, bricht Vaiana auf und mit dem Segelboot durch das Korallenriff.

Sie muss unbedingt den Halbgott Maui finden, der ihr als einziger helfen kann, den Fluch zu beseitigen. Dieser selbstverliebte, verlogene und unwillige – und auch an der Krise mitschuldige – fast wie ein Kleiderschrank aussehende Maui muss nun mal über den eigenen Schatten springen und Vaiana das Herz der Naturgöttin Te Fiti wieder an seinen angestammten Platz bringen. Die kleine Prinzessin lässt sich von ihm nicht ins Bockshorn jagen.

Meeresszenen, die berauschende Stärke des Films, bilden die Bühne. Das hat schon etwas. Azurtöne in allen Schattierungen, dazu die leuchtenden Farben der Insel-Vegetation setzen absolut neue Maßstäbe in der Animation. Ein Fest für die Augen. Das über weite Strecken hochgehaltene Tempo verleiht dem Ganzen die nötige Verve und die Bewegungen der Akteure sind perfekt an der Realität orientiert.

Einem perfekten und äußerst unterhaltsamen Weihnachtskinoabend steht für die ganze Familie – selbst wenn man Helene-Fischer-Songs nicht unbedingt mag – nichts mehr im Wege.

 

Wrong Elements (Bel./BRD/Frankr. 2016, Kinostart 08.12.2016)
Regie:
Jonathan Litell
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 16.12.2016

Der französisch-amerikanische Autor und Journalist Jonathan Litell („Die Wohlgesinnten“) hat das Medium gewechselt und einen Dokumentarfilm über ehemalige ugandische Kindersoldaten gedreht. Er geht der Frage nach, wie aus Opfern Täter werden und umgekehrt. 1989 wurde in Uganda eine Rebellenarmee gegründet, die sich vor allem aus Kindern und Jugendlichen zwangsrekrutiert hat. Der Filmemacher begleitet ehemalige Kindersoldaten durch den Busch auf der Suche nach ihrer Vergangenheit und nach einem Weg, aus der Traumatisierung herauszukommen.

Sie heißen Geofrey, Nighty, Mike und Lapisa. Sie kennen sich schon viele Jahre und wurden im Alter von 12 oder 13 Jahren entführt, missbraucht und als Kindersoldaten in den Bürgerkrieg geschickt, der 1989 begann.

Joseph Kony, der selbsternannte Führer und Gründer der Rebellenarmee Lord's Resistance Army (LRA) hatte sich in den Kopf gesetzt, die ugandische Regierung unbedingt zu stürzen um einen Gottesstaat zu errichten. Dafür ließ er mindestens 60 000 Kinder entführen. Wer sich weigerte, bei seinen grauenhaften Vorhaben mitzumachen, wurde erschossen. Auf der anderen Seite hat nur die Hälfte der Kindersoldaten den Bürgerkrieg überlebt. Und 2 Millionen Menschen wurden vertrieben.

Die traumatisierten Protagonisten brauchen Zeit, darüber zu sprechen. Litell hat deshalb mehrere Monate an dem Projekt in Uganda gearbeitet. Er setzt viel Geduld und Ausdauer ein. Zu den vier Protagonisten seines Films hat der Filmemacher auf diese Weise eine Vertrauensbasis aufbauen können – nur so konnte der Film dem Thema gerecht werden.

Die Ex-Söldner kehren auf ihren Wanderungen durch den Busch zu den Orten der damaligen Massaker zurück, suchen Angehörige von Opfern auf und dort nach einer Möglichkeit, um Entschuldigung zu bitten. Was bleibt ihnen auch sonst übrig. Solch eine Vergangenheitsbewältigung ist für den Einzelnen eine hohe Hürde. Das ist verdammt schwer. Sie spielen noch einmal Szenen durch, was ziemlich unbeschwert aussieht. Diese Spielerei lässt die Freunde ziemlich nahe an die Kindheit vor der Entführung rücken. Vor allem die tiefsitzende Angst ist verschwunden. Alle sind Opfer und Täter – gewinnen konnte keiner, nur leiden.

Jonathan Litell hat sich bei den Dreharbeiten bemerkenswert zurückgehalten, wenig gefragt, das Wesentliche der Gruppendynamik dem Quartetts überlassen, das lernen muss, mit den Schuldgefühlen umzugehen. Das lohnt sich für den Zuschauer, der aufgewühlt und nachdenklich das Kino verlässt.

Joseph Kony übrigens, ist immer noch auf der Flucht, ebenso wie viele seiner Guerilla-Soldaten.

 

Frank Zappa -  Eat That Question (BRD/Frankr. 2016, Kinostart 08.12.2016)
Regie:
Thorsten Schütte
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 11.12.2016

Er galt als Enfent terrible der amerikanischen Rock-Szene. Frank Zappa, der Bürgerschreck, der mit Obszönitäten und radikalen Sprüchen aneckte. Soweit sein Image. In Wirklichkeit war er ein vielseitiger Musiker, dessen Interessen von Strawinskys Musik über Free Jazz bis zum experimentellen Rock reichte. Ein hart und diszipliniert arbeitender Künstler, der das auch von seinen Kollegen auf der Bühne und im Studio verlangte. Der Dokumentarfilmer Thorsten Schütte hat nun ein Porträt des wandlungsfähigen Freaks realisiert – zusammentragen aus unzähligen Mitschnitten von Fernsehshows, Interviews, Konzerten und privatem Material. Eine gelungene Mischung.

Eine Vielzahl von Einordnungen hat Frank Zappa in seinem recht kurzen Leben erfahren, mit 53 Jahren ist er an Prostata-Krebs (1993) gestorben. Sein Image ist für viele negativ gewesen – ein Bürgerschreck und Provokateur. Für andere gilt er als Speerspitze der Avantgarde. Er selbst sieht sich als sein eigener bester PR-Stratege, ein begnadeter Selbstdarsteller. Vor allem ein genialer Musiker, der exzellent Gitarre spielt, dessen Interesse von Rock und Jazz bis zur klassischen Musik eines Igor Strawinsky reicht. Vor allem das Spiel mit den einzelnen Elementen reizt ihn zusätzlich. Und das Spiel mit Worten – satirisch-provokant, obszön, bissig.

Acht Jahre hat Thorsten Schütte Material gesichtet: Interviews, Aufzeichnungen von Talk-Shows, Auftritten und privates Material. Frank Zappa im Studio, zu Hause und überall. Schüttes Recherchen sind von der Familie Zappa unterstützt worden. Herausgekommen ist eine gelungene Collage. Mehr kann man von 90 Minuten nicht erwarten. Prall gefüllt mit abwechslungsreichen Szenen, Informationen, Statements und Musik.

Das Publikum wird staunen. Zappa in den 60er Jahren in einer TV-Unterhaltungsshow, in der amerikanischen Version von „Was bin ich?“, in Talk-Shows. Der Musiker ist zeitlebens auch immer Entertainer gewesen. Nur angepasst war er nie. Klischees hat er nie gemocht. Aber die Neugierde beim Publikum zu wecken, ist ihm immer ein Anliegen. Er will so viele Menschen erreichen wie möglich und verzichtet deshalb nicht auf teilweise idiotische Auftritte im Fernsehen. Ihm geht es aber in erster Linie um die Musik und die Freiheit, sie zu gestalten. Ramsch beherrscht seiner Meinung nach zu sehr den amerikanischen Lebensstil.

Dem versucht er durch disziplinierte, harte und kreative Arbeit etwas entgegen zu setzen. Disziplin erwartet er ebenfalls von seiner Band – zuerst „The Mothers of Invention“ - ohne Drogen. Er selbst bevorzugt Kaffee und Zigaretten. Im übrigen könnte jeder zu sich nehmen was er möchte. In seinen Texten ist er dann wieder der totale Anarchist – im Interview übrigens sehr eloquent. Das ist hilfreich, wenn er vor einen Elternausschuss und sich mit der Bigotterie der Mütter auseinandersetzen muss. Eine Einladung in den Vatikan hat er ausgeschlagen,  Slogans der Hippiebewegung verspottet. Und sich gleichzeitig gefreut, dass Kent Nagano mit dem Royal Philharmonic Orchestra seine Stücke vertont.

In West-Berlin haben radikale Studenten versucht, ihn für den Kampf gegen das Establishment zu gewinnen. Er hat sie nur ausgelacht, wie er sich auch über Ronald Reagan lustig gemacht hat. Einzuordnen ist Frank Zappa gewiss nicht. Nur seine Musik, seine Kompositionen sollen einen festen Platz in der Welt haben. Seinen letzten Auftritt in der Öffentlichkeit hat Zappa in Prag. Kein geringerer als Václav Havel hat den Außenseiter dazu eingeladen. In Norwegen ist ein anderes Licht auf den Komponisten gefallen. Sein Stück „Bobby Brown“, sexuell provozierend bis zum geht nicht mehr, ist dort in den Discotheken zum erfolgreichen Tanzhit avanciert.

 

Ein Lied für Nour
(
Palästina / GB / Katar / NL / VA-Emirate 2015, Kinostart 01.12.2016)
Regie:
Hany Abu-Assad
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 06.12.2016

Träume und manchmal deren Erfüllung machen vor keiner Grenze halt. In diesem Film kennt der junge Palästinenser Mohammed nur ein Ziel: Er möchte Berufsmusiker werden. Beruhend auf wahren Begebenheiten, drehte der international renommierte Regisseur Hany Abu-Assad die Geschichte dieses Erfolgs, der im Gewinn der Casting-Show „Arab Idol“ gipfelte. Er realisierte sein Feel Good Movie als internationale Koproduktion auch an Originalschauplätzen.

Kinder finden oft viel schneller ein Ventil, um mit ihrer prekären Lage umzugehen oder aus der Misere herauszukommen. Nahezu märchenhaft klingt das Porträt des jungen Mohammed (Tawfeek Barhom), der im Gazastreifen aufwächst und schon früh mit seiner Stimme auffällt. Insbesondere seine Schwester Nour (Hiba Attalah) bewundert ihn und sein Talent und möchte, dass aus ihm mal ein großer Sänger wird. Sie sind unzertrennlich und toben als kleine Kinder durch die Straßen von Gaza.

Schon früh lernt Nour Gitarre spielen und drängt ihren Bruder, eine Band zu gründen. Zusammen mit Mohammeds Freunden Omar und Ahmad bilden sie ein Quartett, müssen sich allerdings zuerst mit selbstgebastelten Instrumenten begnügen, was ihrer Freude keinen Abbruch tut. Die Kinder und ihre Musik kommen bei den Nachbarn gut an, dürfen da auftreten und werden auch sonst zu allen möglichen Familien-Festivitäten eingeladen. Sie haben sich mit dem Verkauf von selbst gefangenem Fisch richtige Instrumente organisiert. Gewitzt und erfindungsreich trotzen sie so dem entbehrungsreichen Leben in ihrer Heimat und versuchen sich einen eigenen Freiraum zu schaffen.

Bis Nour eines Tages zusammenbricht. Sie kommt in eine Klinik und wird mit der niederschmetternden Diagnose konfrontiert: Nierenleiden. Zuerst jede Woche zur Dialyse, dann, bei passender Gelegenheit, eine Nieren-Transplantation. Kosten: 10 000 Dollar. Bewegend zu sehen, wie Mohammed vergeblich versucht, Geld zusammen zu kratzen.

Dann macht der Film einen Zeitsprung. Mohammed studiert und fährt Taxi. Frustriert versucht er, seinen Alltag zu finanzieren. Das vor der Kulisse von Gazas Trümmern. Die Stadt ist inzwischen mehrfach von der israelischen Luftwaffe angegriffen worden. Dennoch hat er Nours Traum nie ganz aufgegeben.Eine Freundin Nours aus dem Krankenhaus stärkt ihm dafür den Rücken.

Mohammed versucht es mit der Teilnahme bei der Casting-Show „Arab Idol“ in Kairo. Mit viel Glück kann er einen der begehrten Teilnahme-Tickets ergattern. Der große Erfolg winkt … .

Ein reales Märchen, eine bewegende Geschichte – manchmal am Rande des Kitsches präsentiert – dennoch nicht ohne Wahrhaftigkeit und Authentizität, was auch an den kindlichen Laiendarstellern liegt. Gleichzeitig erfährt man wieder einmal, dass Hoffnung, Lebensmut und Freundschaft universell sind, und Trümmer, Schutt und Armut kein Hindernis sein müssen – verbunden mit einem Blick auf die palästinensische Alltagswelt in diesem politisch drangsalierten Spannungsgebiet, jenseits aller Nachrichtenbilder.

 

Marie Curie (Frankr./Polen/BRD 2016, Kinostart 01.12.2016)
Regie:
Marie Noelle
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 01.12.2016

Sie hat zwei Nobelpreise bekommen und sich als erste Frau in der Forschung und Lehre emanzipiert. Über die Physikerin Marie Curie sind schon viele Filme gedreht worden. Marie Noelle hat sich jetzt in ihrem Film mehr dem Psychogramm der berühmten Polin gewidmet und deren Liebesleben unter die Lupe genommen, zumindest versucht ihr in dieser Hinsicht nahe zu kommen. Marie Curie lässt des öfteren die Hüllen fallen.

Marie Curie, die aus Polen stammt (Mädchenname: Marie Sklodowski), hat – soweit bekannt – 1903 zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie (Charles Berling) und Henri Becquerel  den Nobelpreis für Physik bekommen. Sie haben in Paris die Elemente Radium und Polonium sowie den Zusammenhang mit der Radioaktivität entdeckt. Die gemeinsame Freude währt nicht lange. Als Pierre bei einem Unfall ums Leben kommt, ist Marie mit ihren beiden Kindern alleine. Sie macht weiter, beißt sich durch den rein männlichen Wissenschaftsbetrieb der Universität, lässt sich nicht entmutigen und wird zusätzlich 1911 mit dem Nobelpreis für Chemie gekrönt.

Marie Noelle hat vieles von der Atmosphäre jener Zeit einfangen können. Karolina Gruszka ist mit ihrer Ausstrahlung eine passende Besetzung in der Rolle der Marie Curie. Über die Forschung im Labor bekommt man allerdings nur am Rande etwas mit.  Laborgeräte sind interessante Accessoires, mehr nicht. Die  partnerschaftliche Kooperation ist ebenfalls recht dünn dargestellt.

Vielmehr liegt der Schwerpunkt in wichtigen Szenen des emanzipatorischen Kampfes der couragierten Frau um eine Professur der Sorbonne Universität. Sie will genauso gestellt sein wie ihre männlichen Kollegen, das ist ihr gutes Recht und dafür braucht sie viel Kraft, die durch den Umgang mit den radioaktiven Stoffen schon gelitten hat. Der Chemie-Nobelpreis sollte ihre Stellung stärken. Das wirft zumindest einen kritischen Blick auf die Belle Epoque.

In Noelles Film wird neben diesen Aspekten Sinnlichkeit und Erotik hervorgehoben. Marie stürzt sich bald nach dem Tod ihres Mannes in eine Liebesaffäre mit ihrem (schönen) verheirateten Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter). Dafür lässt Marie auch gerne mal die Hüllen fallen. Ein Skandal in dieser Zeit. Immerhin, eine Nobelpreisträgerin mal ganz nackt, könnte das Credo dieser unausgegorenen Geschichte lauten.

 

Maggies Plan (USA/GB 2015, DVD-Tipp)
Regie:
Rebecca Miller
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 26.11.2016

New York scheint im Film ein Eldorado für Slacker zu sein. Wankelmütige und launische Jungakademiker stolpern dort unentwegt dem Sinn des Lebens und dem Glück hinterher. Chaos und Rastlosigkeit könnte man das auch nennen – ist aber gleichzeitig Stoff für Screwball-Komödien, wie wir sie seit Howard Hawks, und dem frühen Woody Allen kennen. Greta Gerwig, derzeit Königin dieses Genres, will es als Maggie in ihrem neuesten Film mit Plänen für eine Familie versuchen. Dabei hat sie nicht bedacht, dass immer alles anders kommt, als man denkt. Buch und Regie: Rebecca Miller, Tochter von Arthur Miller und der Fotografin Inge Morath.

Maggie unterrichtet an der Kunst-Fakultät der Universität. Wie man Kunst zu Geld macht, versucht sie den Studenten beizubringen. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Kind. Einen festen Partner hat sie derzeit allerdings nicht. Also kann nur eine Samenspende helfen, am besten von der ehemaligen Studentenliebe Guy Childers (Travis Fimmel), der vom abgebrochenen Mathematiker zum Jungunternehmer für eingelegte Gurken avanciert ist.

Als sie mit dem Sperma in ihrer Wohnung hantiert, kommt Maggies neue Bekanntschaft John (Ethan Hawke) zu Besuch, ein Hochschullehrer für Fictocritical Anthropologie, ein Fach, das hierzulande unbekannt ist. Lieber würde er aber als Romancier Karriere machen. Seine Ehefrau Georgette (Julianne Moore) hat dagegen als Professorin Karriere gemacht. Sie hat alles was John nicht hat: Weltläufigkeit und Extravaganz und ist John einfach zu dominant. Das Selbstbewusstsein des Möchtegern-Autoren leidet entsprechend. Dazu noch das Kümmern um die beiden Kinder, die er mit der Star-Professorin hat.

Bei Maggie hingegen fühlt sich John gut aufgehoben, verstanden und kann sich endlich dem Schreiben widmen. Mit Maggie hat er inzwischen eine kleine, süße Tochter. Das Kind ist übrigens auf ganz natürliche Weise zur Welt gekommen. Maggie kümmert sich jetzt noch zusätzlich um Johns und Georgettes Kinder. Die reinste Patchworkfamilie, denn John hat Georgette verlassen. Aber ist es das, was Maggie in Wirklichkeit gewollt hat? Ein Plan muss her. Das ist neu. Wie wäre es, wenn Georgette John zurücknähme?

Beide Frauen lernen sich kennen, finden sich sogar sympathisch und basteln an neuen Interpretationen von Verlassen, Ehebrechen und den Möglichkeiten wie Ängsten in der Karrierewelt.  Die Outfits von Greta Gerwig und Julianne Moore sind Sinnbilder ihrer unterschiedlichen Ansichten. Geradezu komisch die altbackenen Röcke von Maggie gegen die mondäne Designerwäsche von Georgette. Prekäre Hipster und zickige Aufsteiger. Aber der schräge Charme und das Unberechenbare Maggies sorgen stets für Überraschendes. Vor allem ihr Charme nimmt einen sofort für sie ein. Sie kann – wie schon in „Frances Ha“ – so natürlich spielen, dass sich die Dialoge wie Zitate aus dem realen Leben anfühlen. Eine vergnügliche Milieustudie mit viel Tempo und voller Komik.

 

Florence Foster Jenkins (GB 2016, Kinostart: 24.11.2016)
Regie:
Stephen Frears
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 21.11.2016

Die Franzosen haben letztes Jahr ihre Biographie schon variiert - „Madame Marguerite“. Zur Zeit läuft bereits mit „Die Florence Foster Jenkins Story“ eine Dokumentation über die schlechteste Opernsängerin der Welt an. Nun Stephen Frears mit „Florence Foster Jenkins“. Eher weniger Biopic als vielmehr eine Tragikomödie, bei der Frears auf die Vielseitigkeit und Erfahrung von Meryl Streep setzt. Das ist auch notwendig bei einer derart diffizilen Figur.

Die meisten Menschen würden sich gerne einen Lebenstraum erfüllen, wenn das Problem mit dem Geld nicht wäre. Florence Foster Jenkins hat nicht dieses Problem, sie kann auf Einkünfte aus den Bergwerken ihrer Familie zurückgreifen. In Pennsylvania geboren und aufgewachsen, lernt sogar Klavier und gibt Unterricht – bis sie nach dem Tod ihres Vaters in New York mit der üppigen Erbschaft an ihrem Traum von der (selbsternannten) Opern-Diva arbeiten kann. So entwickelt sich Florence zu einer der schillernsten und exzentrischsten Persönlichkeiten der Hudson-Metropole.

Ihr Problem: Sie besitzt keinerlei Gespür für Tonhöhen und Rhythmus. Singen ist alles andere, nur nicht das, was sie mit ihrer Stimme anstellen kann. Dennoch bringt sie viel Mut auf, nimmt Gesangsunterricht, fördert Talente, und entwirft abenteuerlich-komische Outfits für öffentliche Auftritte. In den 30er Jahren ist es der Ballsaal des Ritz-Carlton. Ein Geheimtipp in dieser Zeit. Jedes Mal ein garantierter Anlass für einen vergnüglichen Abend – vorwiegend für Freunde und Bekannte.

Stephen Frears interessiert sich allerdings mehr für das nähere private Umfeld der „Diva“. Neben der Liebe zur Musik steht die Beziehung zu ihrem zweiten, jüngeren Ehemann, dem Briten St. Clair Bayfield im Mittelpunkt seiner Neugierde. Von ihrem ersten hat sie sich früh nach Ansteckung mit Syphilis getrennt. Die damals übliche Einnahme von Arsen und Quecksilber hat sie nachhaltig gesundheitlich geschädigt. Wahrscheinlich hat die damit verbundene abnehmende Hörfähigkeit die mangelnde Selbsteinschätzung gefördert. St. Clair hat alle Zeitgenossen, die unangenehm werden könnten, so gut es geht von seiner Frau ferngehalten, um ihr unnötige Kränkungen zu ersparen. Seine sexuellen Bedürfnisse stillt er bei einer Geliebten und zelebriert damit ein Doppelleben mit allen Höhen und Tiefen.

1944 inszeniert Florence ihren größten öffentlichen Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall -  eine Herausforderung, die im Gelächter untergeht. Sie stirbt kurz danach an einem Herzinfarkt.

Meryl Streep drückt dieser ungewöhnlichen Hommage mit einer Mischung aus Charme, Witz und Rührseligkeit ihren Stempel auf. Hugh Grant spielt seine bisher wohl beste Rolle. Nuancenreich ist seine Mimik, die die Zerrissenheit seiner Figur unterstreicht.  Solch eine Reife hat er bisher nicht an den Tag legen können. Simon Helberg als Begleitpianist Cosmé McMoon, der anfangs nicht weiß wohin mit seinem unterdrückten Lachen, der lange braucht, bis er die schrille Sängerin Ernst nimmt. Die Kinozuschauer brauchen jedenfalls nicht zu befürchten, dass ihr Hörvermögen Schaden nehmen könnte. Im Zweifelsfall sollte man an Ludwig van Beethoven denken, von dem folgendes Zitat überliefert ist: „Eine falsche Note zu spielen ist unwichtig, aber ohne Leidenschaft zu spielen, ist unverzeihlich.“

 

Die Reise mit Vater (BRD/Rum./Ung./Schw. 2016, Kinostart: 17.11.2016)
Regie:
Anca Miruna Lazarescu
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 17.11.2016

1968 in Rumänien. Eine Familie, Staatsterror, die Grenzen des damaligen Ostblocks und deren Überwindung vor dem Hintergrund des schon im Scheitern begriffenen „Prager Frühlings“ schildert die Tragikomödie von Anca Miruna Lazarescu. Ein Roadmovie und das Langfilmdebüt der Regisseurin.

Die Familie Reinholtz gehört zur deutschstämmigen Minderheit der Donauschwaben in Rumänien. Mihai (Alex Margineanu) ist der ältere der beiden Brüder. Er arbeitet als Arzt und steckt nebenbei der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, Informationen zu, um die Partei bei Laune zu halten. Sein jüngerer Bruder Emil (Razvan Enciu) ist mehr der aufmüpfige Typ und mag westliche Rock-Musik, wie Beatles und Rolling Stones. Ihre Mutter ist schon seit einiger Zeit tot. Der schwer erkrankte Vater William (Ovidiu Schumacher)  leidet unter zunehmender Erblindung und muss mit dem baldigen Tod rechnen, falls er nicht so schnell wie möglich operiert wird. Und das ist nur in der DDR möglich. In Dresden. Erfreulicherweise hat der rumänische Staatspräsident Nicolae Ceausescu für kurze Zeit das “Internationale Tourismusjahr“ ausgerufen.

Folglich macht sich das Trio auf in Richtung Sachsen, über Ungarn und die CSSR. Der Geist des „Prager Frühlings“ ist zu ihrem Glück in dieser Zeit überall in Osteuropa noch zu spüren. Sehnsüchte tun sich auf. Nach Freiheit, nach Offenheit, nach mehr Demokratie. Die Brüder wundern sich, wie leicht man in der CSSR an Beatles-Platten kommt. Wir befinden uns aber mittlerweile am Vorabend der Reformbewegung, geführt von Alexander Dubcek, dem Generalsekretär der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. An der Grenze zur DDR kommen den Reisenden schon ostdeutsche Panzer entgegen. Der Befehl stammt aus Moskau.

Und die Familie Reinholtz wird nun in der DDR interniert. Rumänien lehnt offiziell die militärische Interventionpolitik der anderen Ostblock-Staaten ab. Dank geschmuggeltem Cognac können die Drei ihre Situation erleichtern. Verbindungen zur rumänischen Botschaft führen zur Freilassung und die Rückfahrt nach Hause über die (Überraschung) BRD mit einem Transitvisum. Da Mihai sich in dem Internierungslager Knall auf Fall in die begeisterte Sozialistin Ulrike von Syberg (Susanne Bormann) aus München verliebt hat, wissen sie wohin im Westen – in eine linke Studenten-WG.

Jetzt müssen sie sich mit der Frage auseinander setzen, die Chance zu nutzen und in der BRD zu bleiben, oder doch lieber nach Hause zu fahren? So wird die Thematik der Freiheit in einem bestimmten Zeitabschnitt der europäischen Nachkriegsgeschichte variiert. Eine gute Idee, dies einzubinden in eine Familiengeschichte, die gleichzeitig auf der eigenen Biographie der Regisseurin Anca Miruna Lazarescu beruht. Klischees findet man höchstens am Rande der Geschichte, dabei bleibt der Humor und eine gewisse Leichtigkeit nicht auf der Strecke.

 

Die Geschwister (BRD 2016, Kinostart: 03.11.2016)
Regie:
Jan Krüger
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 08.11.2016

Berlin-Neukölln. Thies ist Immobilienverwalter und hilft sonst in einem Trödelladen aus. Eine einsame Gestalt in der Trendmetropole. Als er ein Geschwisterpaar aus Polen kennenlernt, das illegal versucht, eine Wohnung zu bekommen und eine Affäre mit Bruno beginnt, gerät er durch seine Hilfe in ein Dreiecksverhältnis, damit  in ein Gefühlschaos und sein Leben kommt ins Rutschen. Ein unscheinbarer Typ Anfang dreißig muss erkennen, dass sein Job das Einzige ist, das ihm noch den nötigen Halt gibt, ob er den mag oder nicht. Ein Film in minimalistischer Manier von Jan Krüger.

Thies ist keine fröhliche Gestalt im hippen Berlin, er lebt alleine, lebt von seinem Job als Immobilienverwalter, auf diese Bezeichnung legt er Wert, und arbeitet nebenbei noch in einem Trödelladen, vielleicht weil sein Image als Buhmann in der von Gentrifizierung gezeichneten Metropole nicht gerade bestens ist. Das wird er unterschwellig wissen. Wir wissen allerdings nichts und werden auch nicht darüber informiert, was mit Thies eigentlich los ist. Es geht stets etwas Geheimnisvolles von ihm aus.

Dann taucht dieser ebenfalls geheimnisvolle Bruno (Julius Nitschkoff) auf, der ihm Avancen macht. Sie haben schnell Sex miteinander. Schließlich gibt Bruno Thies zu verstehen, dass er und seine Schwester Sonja (Irina Potapenko) dringend eine Wohnung brauchen. Die beiden Polen haben sonst keine Chance, legal eine Bleibe zu finden – der Aufenthaltsstatus ist ungeklärt. Thies macht das, verhilft ihnen ohne die nötigen Papiere zu einer Wohnung. Er macht so etwas zum ersten Mal. Es entwickelt sich ein Dreiecksverhältnis zwischen ihnen und Thies ist fasziniert von seinen neuen Freunden, wobei wir auch bei dem Geschwisterpaar kaum Erhellendes erfahren. Vermeintliche Geschwister, denn Thies erfährt so nebenbei, dass Sonja in Wirklichkeit aus Weißrussland kommt.

Wirklichen Zugang zu Bruno und Sonja erhält Thies nur wenig. Jan Krüger beobachtet vielmehr die kleinen Gesten, Blicke, einzig die Sex-Aufnahmen vermitteln eine kurzzeitige Intimität. Allmählich kommt Thies hinter das Geheimnis der „Geschwister“ und muss erschreckt feststellen, dass sein Leben langsam ins Rutschen kommt. Sonja sagt einmal: „Es gibt nichts umsonst“. Ob das fragile Gleichgewicht von ihr und Bruno das auch aushält? Auf jeden Fall eine Beleuchtung der Themen gemeinsame Nähe, Solidarität und Romantik in einem leicht stimmungsvollen Film mit einer Alltagsästhektik jenseits der Postkartenidylle.

 

Die Ökonomie der Liebe (Belg./Frankr. 2016, Kinostart: 03.11.2016)
Regie:
Joachim Lafosse
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 06.11.2016

Sind beim Abhandenkommen der Liebe noch Gefühle da? Welche Rolle spielt Wut bei einem Ehepaar, das mitsamt ihrer beiden kleinen Töchter vor einem Scherbenhaufen steht? Schließlich das gemeinsame Haus, die Bühne des Dramas, das jetzt zum Schlachtfeld des Rosenkrieges wird und die Kasse der finanziellen Abrechnung darstellt. Ein Drama in einer Art Seelengefängnis, für das ein Film-Kammerspiel die geeignete Ausdrucksform ist. Der Belgier Joachim Lafosse hat es realisiert.

Schöner und gemütlicher kann ein gemeinsames Nest für eine vierköpfige Familie kaum sein. 15 Jahre sind sie jetzt verheiratet, Marie (Bérénice Bejo) hat das Haus mit Garten finanziert und Boris (Cédric Kahn) die notwendigen handwerklichen Leistungen für die Renovierung eingebracht. Nun ist alles vorbei. Das Ehepaar will sich scheiden lassen. Boris verdient aber derzeit zu wenig, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Zwangsläufig darf er noch in ihrem Haus wohnen, bis sie seinen Anteil an der Immobilie ausbezahlt hat, wobei Marie die Höhe seines geforderten Anteils nicht zur Verfügung steht.

Dann sind da noch die Zwillinge (Jade und Margaux Soentjens), die unter den immer stärker werdenden Spannungen leiden und naturgemäß vieles nicht verstehen können. Der Zuschauer kennt auch nicht die Ursprünge der Misere, er muss in die Geschichte springen. Glückliche Momente lassen sich dabei allenfalls erahnen. Eine Liebe ist nicht einfach tot, nur wird das Zusammenleben unter diesen Umständen im Alltag immer komplizierter, aufreibend, wie eine Achterbahnfahrt mit allen Höhen und Tiefen. Boris will sich von seinen Emotionen in Wahrheit auch gar nicht lösen. Er hofft insgeheim auf eine baldige Versöhnung, will seine gestorbene Liebe nicht loslassen. Marie aber will, dass er so bald wie möglich eine eigene Bleibe findet.

Zu zweit in diesem Seelengefängnis ist auf Dauer einfach unerträglich. Ein Rosenkrieg in einer häuslicher Beschaulichkeit, und die Nuancen der Auseinandersetzung, sprich die Methoden der Abwicklung ihrer Ehe – mit Verletzlichkeit, Rebellion, Wut und Hilfslosigkeit. Und der Zuschauer leidet mit, ist mal auf der Seite, mal auf der anderen und fühlt sich vielleicht emotional auch an Begebenheiten des eigenen Lebens erinnert. Dass sich der Spielort gegen Schluss nach außen in die Helligkeit verlagert, hat nichts mit einem erhofften Happy End zu tun, sondern mit dem Wagnis, das Seelengefängnis zu verlassen.

Getragen wird das Drama von hervorragenden Darstellerleistungen, einer flüssig geführten Kamera, und einem Drehbuch, das glauben macht, es existiere gar keins. So realistisch und natürlich ist es geschrieben worden – wie das Leben eben so spielt.

 

Die Tänzerin (Frankreich 2015, Kinostart: 03.11.2016)
Regie:
Stéphanie di Giustoi
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 01.10.2016

Sie dürfte hauptsächlich nur Insidern bekannt sein, die Tänzerin Loie Fuller, Star der Belle Epoque. Dabei wurde die Kunst der Amerikanerin erst in Europa zum Leben erweckt. Ihr Vater war Rodeoreiter und kam gewaltsam ums Leben. Dann  erste Tanzaufführungen in New York. Der Durchbruch schließlich in Frankreich. Ihre spezielle Kunst war eine Symphonie aus fließenden Bewegungen, Licht und Farben. Ein Biopic von Stéphanie di Giusto.

Sie ist mit ihrem Vater, einem Rodeoreiter, durch den amerikanischen Mittelwesten gereist, bis er gewaltsam ums Leben kam. Banditen haben ihn in der Badewanne erschossen. Dann steht Loie Fuller alleine da, fährt nach New York zu ihrer Mutter, die streng puritanisch lebt und die „Hirngespinste“ Loies ablehnt. Doch die junge Frau setzt sich durch, auch wenn ihre Anfänge ins Halbseidene reichen und ziemlich bescheiden sind. Model für erotische Fotos, Auftritte in Burlesque-Shows, Operetten, bei lyrischen Pantomimen und in Varietés. Sie kämpft sich durch dieses Auf und Ab und landet 1892 schließlich in Paris.

Diese an sich schon geballte Biographie hätte schon einen Film gefüllt. Stéphanie di Giusto hat sich darauf beschränkt, einiges davon nur anzureißen – das gleiche gilt für ihr amouröses Leben beziehungsweise für die für sie wichtigen Personen. Da ist der depressiv-veranlagte Graf Louis Dorsay (Gaspard Ulliel), der sie bewundert und finanziell unterstützt, und die verführerische Isadora Duncan (dargestellt von Johnny Depps Tochter (Lily-Rose Depp), die jung und ehrgeizig ist – und sie dreist ausnutzt.

All das geht nicht in die Tiefe, schrammt nur die Oberfläche, bis – und jetzt wird es erst interessant – die Geschichte das eigentliche Thema einkreist: Die neuartige Tanztechnik, an der Loie Fuller schon seit Jahren feilt. Sie hat sich immer Notizen gemacht, Kleider und Bewegungsabläufe gezeichnet und diese trainiert. Faszinierende Aufnahmen sind dabei herausgekommen. Die Lichtführung ist gleichfalls immer in Bewegung, eine fließende Choreographie entsteht dadurch. Die langen Stoffbahnen, die Fuller mit eingenähten Holzstäben verlängert hat, versetzt der Performance eine in rhythmische Schwingungen geratende Visualisierung des Jugendstils. Ein Rausch. Alleine deswegen ist der Film sehenswert.

Übrigens ist es möglich, dass einem beim Zuschauen die berühmte Rolls Royce-Kühlerfigur einfällt. Die heißt Emily. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

 

Pettersson und Findus – Das schönste Weihnachten überhaupt
(BRD 2016, Kinostart: 03.11.2016)
Regie: Ali Samadi Ahadi
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 25.10.2016

Seit Jahren begeistert der kleine sprechende Kater Findus des schwedischen Zeichners und Autors Sven Nordqvist weltweit unzählige Kinder.  Für weitere Freude ist gesorgt. Für die Vorweihnachtszeit eine weihnachtliche Geschichte in einem Halb–Realfilm – der Fortsetzung von 2014. Diesmal hat Stefan Kurt die Rolle des schrulligen Pettersson übernommen.

Sven Nordqvists Bücher über das urige Paar Findus und Pettersson sind seit langem ein großer Erfolg bei Kindern in aller Welt. Und wie das so ist mit Bestsellern, sie werden verfilmt, kommen ins Fernsehen und ins Kino, mal real, mal animiert. Jetzt kommt zum zweiten Mal ein Halb-Realfilm mit Findus als animierter Figur auf die Leinwand.

Pettersson wird diesmal von Stefan Kurt verkörpert. Kater Findus erscheint als animierte Figur. Die Nachbarn Beda und Gustavsson spielen Marianne Sägebrecht und Max Herbrechter.

Weihnachten steht vor der Tür. Leider startet der Film schon Anfang November. Vorfreude auf das Fest können Kinder aber schon einmal genießen. „Pettersson und Findus – Das schönste Weihnachten überhaupt“ spielt nämlich kurz vor den Festtagen. Findus ist schon ganz schön aufgeregt. Er möchte ein wunderschönes Ereignis feiern. Zwei Tage vor Weihnachten beginnt es zu schneien. Das passende Wetter kommt also auch – nur fehlen noch der Weihnachtsbaum, Schmuck, Geschenke und Zutaten für ein schönes Festessen.

Zu allem Pech fällt kurz vor Weihnachten eine Menge Schnee. Zuviel Schnee. Als sie einen Baum im Wald schlagen wollen, verletzt sich Pettersson nämlich am Bein und auf Findus lastet jetzt die Aufgabe, alles alleine zu machen – womit er allerdings überfordert ist. Die freundlichen Hilfsangebote der Nachbarn Beda und Gustavsson lehnt der Eigenbrötler Pettersson dagegen ab, am liebsten wäre ihm sowieso, alles ginge schnell vorbei, ohne große Störungen von außen. Aber der Kater lässt nicht locker und Pettersson möchte seinen Freund nun auch nicht enttäuschen. Alles wird sich also irgendwie noch fügen.

Es handelt sich schließlich um eine Geschichte für Kinder und für sie soll es natürlich versöhnlich enden. Eine einfache Geschichte, für die sich das kleine Publikum begeistern kann. Man kann im übrigen die animierte Figur des Findus nicht so toll finden. Er wirkt einfach zu künstlich. Da gab es schon bessere Animationen von Findus. Das wird aber Kinder kaum stören. Wichtig ist das Gefühl, das gekonnt mit den Mitteln der Ausstattung vermittelt wird. Weihnachten werden sie auch kaum erwarten können – genau wie Findus.

 

Hinter den Wolken (Frankr/BRD 2016, Kinostart: 20.10.2016)
Regie: Cecilia Verheyden
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 15.10.2016

Eine Frau verliert ihren Mann nach fünfzig Jahren. Bei der Beerdigung sieht sie ihre damalige große Liebe – der beste Freund des verstorbenen Gatten – wieder. Gelingt es, die offensichtlich noch vorhandenen Gefühle wieder aufzuwärmen und mit Leben zu füllen? Das ist für Menschen jenseits der Pensionsgrenze nicht einfach, besonders weil die Familie auch nicht frei von Problemen ist. Nach dem Theaterstück von Michael De Cock, von dem auch das Drehbuch stammt. Eine belgische Tragikomödie mit leisem Witz, in ruhigen und sensiblen Dialogen.

Cecilia Verheyden hat ein Theaterstück von Michael De Cock adaptiert, die Geschichte einer Frau jenseits des Pensionsalters, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, die Chance hat, eine alte Liebe wieder aufleben zu lassen. Also die Skizzierung einer überraschenden zweiten Chance, statt in Trauer zu verharren und in Gram alt zu werden.

Chris Lomme spielt diese Emma, der unverhofft bei der Beerdigung ihre frühe große Liebe Gerard (Jo De Meyere) über den Weg läuft. Ein halbes Jahrhundert ist das jetzt her, die große Liebe, die damals jäh abgebrochen wurde, als Emma den besten Freund von Gerard, Frederik, einen Fabrikanten heiratete. Und nun? Emma ist irritiert, ja abwehrend bei den aufkommenden Annäherungsversuchen Gerards. Der Schriftsteller versucht zuerst über ein soziales Netzwerk mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Leider liegt einiges im Argen bei der gesamten Dramaturgie. Anstatt herauszufinden, was die Hintergründe der damaligen Entzweiung beider Freunde und der Entscheidung Emmas für Frederik gewesen sind, verheddert sich der Film in Nebenschauplätzen. Emmas Tochter Jacky (Katelijne Verbeke) bekommt ihre Affäre mit einem verheirateten Mann nicht gut. Dafür macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, wenn diese noch nicht einmal eine längere Trauerphase auf sich nimmt. Ob das in der Realität ähnlich vorzufinden ist, bleibt zweifelhaft. Dann noch Emmas Enkelin Evelien (Charlotte De Bruyne), die mit ihrer bevorstehenden Führerscheinprüfung hadert, sich aber sonst mit der Großmutter gut versteht.

Von den ganzen Verzettelungen abgesehen, zeigt Cecilia Verheyden ein sensibles und einfühlsames Stück, eine kleine Vision von den Möglichkeiten der Liebe im Alter, sympathisch dargestellt von Chris Lomme und Jo De Meyere. Aber gerade Charlotte De Bruyne spielt am überzeugendsten. Das Verhältnis zur Gr0ßmutter ist die eigentliche Überraschung in diesem mit leisem Humor untermalten Film.
 

Meine Zeit mit Cézanne (Belgien 2016, Kinostart: 06.10.2016)
Regie: Danièle Thompson
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 06.10.2016

Der Film von Danièle Thompson schildert in Etappen die schwierige Freundschaft zwischen dem Maler Paul Cézanne (Guillaume Gallienne) und dem Autor Émile Zola (Guillaume Canet). Die Handlung spielt - das paßt zufällig zum Trend - im sonnigen Südfrankreich, in der Provence. Von Vorteil wäre schon gewisser biographischer Background. Dann läßt es sich noch besser eintauchen in die Welt des 19. Jahrhunderts, des Impressionismus und die Dialoge eindeutiger verstehen. Eine spannend-atmosphärische Reise in Tiefen und Abgründe, deren liebevolle Ausstattung und visuelle Kraft überzeugen kann.

Émile Zola, Sohn italienischer Einwanderer lernt Paul Cézanne, den Spross einer reichen Familie während der Schulzeit im südfranzösischem Aix-en-Provence kennen. Sie verstehen sich auf Anhieb und geben sich ihren Visionen hin, wobei sie alles teilen. Neben der Liebe zu Kunst hängen sie den gleichen Begierden, Hoffnungen und Sehnsüchten nach – einschließlich Alexandrine (Alice Pol), der Frau die von beiden geliebt wird und die Émile schließlich heiratet.

Als die beiden Freunde die Provence als zu eng empfinden, suchen sie die Künstlerkreise am Monmartre in Paris auf, immer von ihrem Ziel getrieben, mit ihren Talenten an die Spitze zu gelangen. Das gelingt zunächst Émile, der es schon bald zu Anerkennung und Vermögen bringt. Pauls Gemälde haben dagegen noch eine lange Durststrecke vor sich. Und die Freundschaft wird allmählich auch etlichen Spannungen unterworfen. Das frühere Rebellentum richtet sich nun gegeneinander. Werden die beiden Jahrhundert-Künstler sich noch einmal versöhnen?

Daniéle Thompson hat die beiden Genies vom Sockel geholt und zwei junge Menschen mit all ihren Schwächen, Träumen und Sorgen in Szene gesetzt, die noch nicht wissen, was aus ihnen einmal wird und deren Alltag sich kaum von denen anderer junger Leute unterscheidet. Künstler, bei denen der Ruhm und damit die Anerkennung zu gänzlich unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens eintreten, die alles geteilt haben und letztlich die Erfahrung machen, dass auch eine tiefe Freundschaft von den Tücken des Leben zerstört werden kann. Gleichzeitig erhält der Zuschauer einen Spiegel der Zeit des Impressionismus im 19. Jahrhundert vor Augen geführt. Gewisse Vorkenntnisse wären allerdings von Vorteil.

Dies hat die Regisseurin mit den unterschiedlichen Lichtverhältnissen – Paris Schatten - Provence helles Licht – alleine schon optisch dargestellt. Und ein hervorragendes Schauspieler-Ensemble haucht gekonnt der Geschichte Leben ein.

Unsere Wildnis (Frankr/BRD 2015, Kinostart: 10.03.2016)
Regie: Jacques Perrin, Jacques Cluzaud
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 21.03.2016

Der Wald – als lange Zeit dominierender Vegetationstyp in Mitteleuropa – bildet das Thema zur neuen Naturdokumentation der beiden Franzosen Jacques Perrin und Jacques Cluzaud. Mit von der Partie die bekannten Großtierarten Bär, Wolf, Elch, Luchs. Kamera exzellent, Thema brisant wegen der Erderwärmung, Bodenversiegelung - und für die Augen ein Gedicht.

Zwei Pozent der deutschen Waldfläche Deutschlands kann man als naturnah bis wild bezeichnen. Mehr nicht. In Frankreich ist es auch nicht viel besser. Deswegen wurde teilweise in den letzten Rückzugsgebieten der Natur Europas gedreht.

Vor etwa 10 000 Jahren wurde die Eiszeit von einer Erderwärmung, einer Warmphase abgelöst. Wälder lösten die Savannen ab. Wo heute Autobahnkreuze und Industrieanlagen wie Wohnsiedlungen alles zubetoniert haben, röhrte früher Rotwild und heulten Wölfe.

Der Film vermittelt geschickt den Wald als geschlossenen Lebensraum. Kleine Eulen und andere Vögel bieten ein interessantes Szenario. Höhepunkte sind allerdings die Jagdszenen unter den den verschiedenen Tierarten, wie die Wildpferdgruppe, die von einem Wolfsrudel durch den Wald gehetzt wird

Diese Manipulationen um der Sensation willen, sind umstritten. Ähnliche Szenen gibt es noch mehr. Dann sieht man plötzlich ein menschliches Wesen im Busch – offenbar Sinnbild für den beginnenden Verdrängungswettbewerb mit dem Homo Sapiens. Allerdings auch gedacht, gerade jungen Menschen die Wirkung von Naturzerstörung aufzuzeigen. Ein visuell beeindruckender Dokumentarfilm.

 

El Clan (Argentinien 2015, Kinostart: 03.03.2016)
Regie:  Pablo Trapero
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 18.03.2016

Filmemacher Pablo Trapero hat sich eines besonders grausamen Kapitels der argentinischen Militärdiktatur angenommen: Nach außen freundlich-gutsituiert, hat eine Familie haben ein Vermögen mit Kidnapping, Erpressung gemacht – die Opfer wurden ermordet. Die ehrenwerte Familie läßt grüßen.

Die Opfer werden in Ruhe ausgeguckt, oftmals sind es auch gute Bekannte oder Nachbarn, die Täter sind ruhige, freundliche Zeitgenossen, hilfsbreit und ansonsten unauffällig – bis auf den Sohn Alejandro, der ist schon fast eine nationale Ikone, als Mitglied der Rugby-Nationalmannschaft. Rugby genießt einen hohen Stellenwert in Argentinien. Idealer Ausgangspunkt für die makaberen Pläne des Clan-Pariarchen Arquimedes.

Das Böse klettert im Laufe der Handlung immer stärker ins Rampenlicht. Und trotzdem geht das Familienoberhaupt morgens vor die Haustür, um für einen sauberen Vorplatz zu sorgen. So wie er keinen Abfall duldet, erstickt er jegliches Aufbegehren innerhalb des Clans. Wohl gemerkt, das Ganze beruht auf Tatsachen.

Sein Sohn ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt in dem Drama. Er zweifelt zunehmend an dem „Unternehmen“. Fehler treten auf - die Schlinge zieht sich zunehmend zu ….
Der Silberne Löwe für die die beste Regie in Venedig hatte dagegen für große Freude gesorgt.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

Zoomania (USA 2016, Kinostart: 03.03.2016)
Regie:  Byron Howard, Rich Moore
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 16.03.2016

Disneys neues Animationsabenteuer ist spannend, einfallsreich und gleichzeitig ein Playdoyer für die Integration in einer Großsstadt. Also Spaß, Spannung und Utopie. Übrigens, Nebenfiguren in Gestalt von Faultieren müßte eigentlich auch ein Oscar gebühren. Die Animationsgestalt des Jahres.

In der Metropole leben keine Menschen – dafür Tiere aller Art, und zwar friedlich miteinander. Und in diese Multikultistadt kommt eines Tages ein kleines Häschen namens Judy, das in den Polizeidienst will – gar nicht so einfach, besteht das Corps vorwiegend aus Nashörnern und Büffeln.

Nun will Häschen Judy ihre Polizeiausbildung unbedingt durchziehen, ein Förderprogramm für Kleintiere hilft ihr dabei. Beginnen tut ihre Karriere allerdings mit dem simplen Aufschreiben von Parksündern. Ihr zur Seite wird Fuchs - ausgerechnet- Nick gestellt. Sie raufen sich zusammen. Unterschwellige Ressentiments sind doch da, aber bekommen keine Oberhand. Die absolute Spitze stellen dafür die Beamten der Kfz-Zulassungsstelle dar: Es sind Faultiere. So ein witziges Durch-den-Kakao-ziehen der Bürokratie muß man wirklich lange suchen in der Filmgeschichte. Aber Witze mögen sie auch, die Freunde der Langsamkeit.

Dann wird es spannend mit einer furiosen Verfolgungsjagd. Unsere beiden kleinen Helden wollen ja schließlich etwas erleben. Insgesamt paßt das Werk, hunderten Mitarbeitern und ihren Ideen sei Dank. Angesichts von Wellen der Intoleranz, zur richtigen Zeit der richtige Film.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

Das Tagebuch der Anne Frank (BRD 2016, Kinostart: 03.03.2016)
Regie:  Hans Steinbichler
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 13.03.2016

Nach so langer  Zeit kommt nun der erste deutsche, abendfüllende Spielfilm über das jüdische Flüchtlingsmädchen in die Kinos.  Amsterdam 1943, Prinsenstraat.Viele mittlerweile. Lea von Acken nicht – noch nicht. Das junge Mädchen liefert eine berührende, authentische Darstellung des um sein Leben und seine Zukunft ringenden Teenagers. Die eigentliche Entdeckung.

Eine jüdische Familie auf der Flucht vor den Nazischergen und das Bemühen, ihr Leben zu retten – etwas über zwei Jahre -  versteckt in einer Hinterhauswohnung in Amsterdam. Wir haben das Jahr 1943. Und ein Vertrauter der Familie Frank bringt sie dort unter, acht Personen.

Die Geschichte dürfte allgemein bekannt sein. Das Grauen außenrum ist natürlich spürbar. Sehenswert ist dafür die der Leistung der 17-jährigen Lea van Acken. Das ist durchaus viel wirksamer als die politische Rahmenhandlung. Das Leben – sofern es zugelassen wird, das Ringen um die persönliche Integrität, die Entwicklung zu einem aufgeweckten, symphatischen Teenager inklusive Pubertät. Anne rebelliert besonders gegen ihre Mutter, die von Martina Gedeck gewohnt souverän verkörpert wird. Ihren Vater (Ulrich Noethen) verehrt sie dagegen sehr – wie das oft bei pubertierenden Mädchen üblich ist.

Leider ist die Grundthematik nicht aus der Welt – wie wir das beinahe jeden Tag im Fernsehen sehen können. Ein wichtiges und gewichtiges Psychogramm.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

Hail, Caesar (USA/GB 2015, Kinostart: 18.02.2016)
Regie:  Joel Coen, Natham Coen
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 08.03.2016

Ethan und Joel Coen wollten bei ihrem neuen Werk einmal die große Hollywood-Ära der 1950er Jahre hochleben lassen, Bewährte Figuren des Coen-Kosmos wie George Clooney, Josh Brolin, Francis McDormand und Tilda Swinton haben offensichtlich wieder viel Spaß dabei gehabt, genauso wie es die meisten Kinobesucher haben werden.

Den Filmbetrieb Hollywoods der 1950er Jahre haben die Coen-Brüder nun aufs Korn genommen, damals ein streng-geführter  Industriekomplex. Und was die Brüder auch immer aus den den unterschiedlichen Sujets machen, etwas ungewöhnlich komisches bleibt zumindest hängen.

Da ist der unvermeidliche George Clooney, in der Rolle eines römischen Soldaten, besticht durch witzige Haarlocken, der am liebsten den ganzen Tag herumalbert. Josh Brolin als Mann für schwierige Fälle des Studios, demonstriert meistens eine kummervolle Miene.

Tilda Swinton spielt auf absurde Weise eine Kritikerin im Doppelpack – als Zwillinge. Grotesk ebenfalls der junge Cowboy aus der Provinz, der – obwohl er gar nicht flüssig sprechen kann – zur Hauptfigur aufgebaut werden soll. Das Image wiegt oftmals mehr. Ralph Fiennes als Schnell-Schaupieler-Ausbilder soll dem Jungen noch den nötigen Schliff verpassen. Eine Glanz-Auftritt.

Scarlett Johansson als Schwimm-Fee und Wassernixe hat einen einen smaragdgrünen Badeanzug an und erinnert ständig mit naiv-erotischer Aura an die große Hollywood-Wassershowkönigin Esther Williams.

An der Kamera der renommierte Roger Deakins, der das Geschehen in präzises Licht und knallige Farben hüllt. Es macht Spaß, den Film zu sehen, wie den Protagonisten auf der Leinwand. Für einen vergnüglichen Kinoabend bestens geeignet – Kritik am damaligen Studiosystem kommt dabei allerdings zu kurz. Bissig-satirisch ist der Streifen wirklich nicht.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

 

Robinson Crusoe (Belgien 2015, Kinostart: 04.02.2016)
Regie:  Vincent Kesteloot
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 11.02.2016

Ben Stassen hat Daniel Defoes Literatur-Klassiker „Robinson Crusoe“ als Animationsfilm in 3D produziert – als ersten Trickfilm mit diesem Stoff überhaupt. Um Kindern die Geschichte vom gestrandeten Seemann nahe zu bringen, wird sie aus dem Blickwinkel von Tieren erzählt. Lustige Wesen auf einer kleinen Insel, die Robinson freundlich aufgenommen haben und ihn auch zu verteidigen wissen. Freundschaft wird dort nämlich großgeschrieben. Die Belgier können also nicht nur Comics, sondern auch Animation.

Was tun mit einem Schiffbrüchigen, einem zweibeinigen, der auf einer kleinen Insel an den Strand gespült wird? Dort wohnen nur Tiere, eine kleine Gemeinschaft mit einem neugierigen und abenteuerlustigen Papagei, der die Welt erleben will. Eine tierische Inselclique, dazu gehören noch die gefräßige Tapirdame Rosie, der kleine Eisvogel Kiki, das faule Chamäleon Carmello, das sorglose Stachelschwein Epi, das gutmütige Schuppentier Pango und der alte, halb-blinde Ziegenbock Zottel.

Robinson Crusoe wird von allen erst einmal misstrauisch beäugt, nur der fidele Ara, der den Namen Dienstag bekommt, freut sich über die Abwechslung und ist so neugierig, dass er schnell Vertrauen zu dem jungen Seemann fasst. Der Tagesablauf auf der Insel ist übrigens einfach: Abhängen, Strand-Partys und Barbecues – Hauptsache es schmeckt.  Witzige Charaktere haben die Macher um Vincent Kesteloot den animierten Protagonisten verliehen. Lustig und verschroben, und sprechen können sie noch obendrein. Robinson Crusoe, so tollpatschig er auch ist, so erfinderisch ist er. Das Baumhaus und eine hölzerne Wasserleitung finden die Inselbewohner als durchaus bereichernd.

Einen dürfen wir nicht vergessen: Robinsons treuer schottischer Hund Edgar, der seinen Gefährten noch nie im Stich gelassen hat und der im folgenden noch eine wichtige Rolle einnehmen wird. Jetzt wird es nämlich gefährlich und abenteuerlich. Ping & Pong – das hat nichts mit dem PingPong-Spiel zu tun, sind vielmehr heimtückische und gefährliche Katzen, die sich bisher auf einem Piratenschiff herumtrieben und Mäuse jagen sollten – wollen unbedingt die Insel eroberen. Es gibt anscheinend genügend Beute dort – und sie haben, auch das noch, eine hungrige Nachwuchsmeute im Schlepptau. Da wird es natürlich noch richtig turbulent zugehen.

Die belgischen Animationskünstler um Produzent Ben Stassen („Das Magische Haus“) haben wieder einmal den richtigen Ton getroffen, entsprechende Figuren kreiert, die sich gegenseitig ergänzen und von ihrer Freundschaft untereinander profitieren. Ihre kleine tropische Inselwelt ist farblich, phantasievoll abgestimmt und 3D-Effekte machen dramatische Momente effektvoller, selbst Meereswogen. Durch die Übersichtlichkeit der Figuren, kommt der Film besonders kindlichen Sehbedürfnissen entgegen. Eine reizende Erlebniswelt aus einem Land, das sich durch Comics weltweit einen hervorragenden Ruf erarbeitet hat. Die Belgier können also auch Animation.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

 

Suffragette – Taten statt Worte (GB 2015, Kinostart: 28.01.2016)
Regie:  Sarah Gavron
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 07.02.2016

Das hat aber lange gedauert. Nach über 100 Jahren kommt nun ein großer abendfüllender Spielfilm aus Großbritannien in die Kinos, der die Geschichte der dortigen Frauenbewegung für ein eigenes Wahlrecht thematisiert. Mit Star-Aufgebot: Carey Mulligan, Helena Bonham-Carter, Anne-Marie Duff und in einer Mini-Rolle Meryl Streep.

Historisch gesehen ist noch gar nicht solange her, seitdem Frauen in Großbritannien sich das volle Wahlrecht erkämpfen konnten. Es war ein schwerer Kampf, der Ende des 19. Jahrhunderts begann und erst 1928 erfolgreich beendet werden konnte. Die Bezeichnung Suffragette geht auf den Begriff suffrage (Stimmrecht) zurück. Um politisch aktiven Frauen  organisatorisch mehr Gewicht zu verleihen, hat die führende Radikalfeministin Emmeline Pankhurst, eine Frau aus dem Bürgertum, 1903 die „Women's Social and Political Union WSPU“ ins Leben gerufen.

Frauen sind auch bei diesem Film federführend: Sarah Gavron – Regie,  Abi Morgan – Buch, Faye Ward, Alison Owen – Produktion, Carey Mulligan – Hauptdarstellerin. So weit, so gut – das klingt nach Glaubwürdigkeit und Engagement. Letztere versucht mit ihrem Können und einigem Erfolg der jungen Wäscherei-Arbeiterin Maud Watts Tiefe und Plausibilität einzuhauchen. Äußerlich blass und leidend aussehend, ihre persönliche Tragik  dem Zuschauer nahebringend. Sie muss schließlich die deprimierende Situation der Frauen in der damaligen britischen Gesellschaft stellvertretend präsentieren.

Ansonsten sind die Figuren ziemlich flach und eindimensional geraten. Die Macherinnen legen Wert auf melodramatische Effekte, wie das Verbot für Maud, ihr Kind zu sehen und die dadurch entstehende seelische Pein für die Wäscherin, die seit ihrem 13. Lebensjahr unter miesen Bedingungen in der Reinigung arbeitet. Ihre Mutter ist dort gestorben, am kochenden Wasser eines, auf sie herabfallenden Kessels.

Helena Bonham Carter als kämpferische Apothekerin, soll zur Dynamik des Geschehens beitragen. Sie reißt Maud auch mit aus ihrer Apathie, die im übrigen schon durch die Beobachtung einer Vergewaltigung durch den Chef in der Wäscherei angekratzt wurde. Damit steuert die Geschichte zu Szenen der Eskalation – Sprengung von Briefkästen, Attentate auf Politiker-Villen, Hungerstreikaktionen in Gefängnissen auf der einen Seite, staatliche Repressalien – Massenverhaftungen, erste Anwendung von Kameras zur Überwachung, niedergeknüppelte Protestierende auf der anderen Seite. Und dazwischen das kurze Auftauchen von Emmeline Pankhurst (Meryl Streep) – wie eine überraschende Fata Morgana. Dass die Protestlerinnen handeln müssen und Mut dazu brauchen, ist natürlich nicht überraschend, sprechen sie sich doch schon andauernd Mut zu.

Zwei, drei Jahre zuvor, haben viele Suffragetten ihren Job verloren und wurden von ihren Familien wie von der Gesellschaft insgesamt geächtet und ausgestoßen. Nicht wenige sind durch Polizeiknüppel gestorben. Im Film bekommt man eine leise Ahnung davon, immerhin. Stark, dass folgende Szene dem Publikum nicht vorenthalten wird. Bei einem Pferderennen, dem Epsom Derby – die High-Society ist natürlich anwesend – stürzt sich eine gewisse Emily Davison voller Verzweiflung vor ein galoppierendes Pferd und stirbt auf der Rennbahn. Eine Märtyrerin am Schluss (des Films), erst 1928 erhielten die britischen Frauen das Wahlrecht. Damit muss man nach Hause gehen, nicht ohne sich Gedanken über Neuseeland zu machen: Dort – im Abspann erwähnt – wurde 1893 als erstes das Frauenwahlrecht eingeführt – ohne dieses fürchterliche Leid. Donnerwetter. In der Schweiz sollten die Eidgenossen allerdings in sich gehen – denn die Frauen erhielten, sage und schreibe, erst 1971 das Wahlrecht.

Also, doch den Film angucken. Es erinnert immerhin als erster abendfüllender Kinofilm daran, dass heute etwas Selbstverständliches erst unter vielen Opfern erkämpft werden musste.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

 

Dirigenten – Jede Bewegung zählt (BRD 2015, Kinostart: 28.01.2016)
Regie:  Götz Schauder
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 03.02.2016

Was machen eigentlich Dirigenten? Wie lernen sie ihren Beruf? Worauf kommt es an, wenn ein Nachwuchsdirigent mit einem neuen Orchester arbeiten muss? Was macht sie aus? Vor allem, wie reagieren sie unter Zeit- und Konkurrenzdruck? Der Filmemacher versucht Antworten zu finden und beobachtete fünf Kandidaten beim Finale des Georg-Solti-Wettbewerbs in Frankfurt am Main.

Für angehende oder Jung-Dirigenten stellt der alle zwei Jahre stattfindende Georg-Solti-Wettbewerb  in Frankfurt/Main eine besondere Herausforderung dar. 500 und mehr Talente bewerben sich dafür – aus aller Welt. Bei der Entausscheidung sind noch 24 Kandidaten übrig. Gerade wegen des immer härter werdenden Konkurrenzdrucks, ist das Interesse an diesem renommierten Auswahlverfahren ungebrochen.

Der Dokumentarfilmer Götz Schauder hat fünf von ihnen begleitet, sie beobachtet und mit ihnen gesprochen: Aziz Shokhakimov aus Usbekistan, Alondra de la Parra aus den USA, Shizuo Z Kuwahara aus Japan, James Lowe aus England und der Deutsche Andreas Hotz. Es sind die fünf Auserwählten für die Endrunde. Einer/eine kann nur gewinnen.

30 Minuten haben die jungen Dirigenten Zeit, mit den Orchestern zu proben, den besten Orchestern der Mainmetropole. Die Musiker sollen auch so spielen, wie dirigiert wird. Jetzt kommen wir zur spannenden Frage, wie bringt man eingefleischte und routinierte Instrumentalisten dazu, eigene Vostellungen zu vermitteln und vor allem ernst genommen zu werden. Ausdruckskraft, nonverbale wie verbale Kommunikation, Persönlichkeit zu haben, ohne überheblich zu wirken, gehören sicher dazu. Wie allerdings der große Dirigent und Namensgeber der Veranstaltung, Sir Georg Solti einmal bemerkt habe, bleibe es nach wie vor ein Geheimnis, warum die einen dirigieren können und die anderen nicht.

Für die fünf Kandidaten sind derartige Überlegungen überflüssig oder werden verdrängt. Jeder/jede versucht mit den persönlich vorhandenen Mitteln eine Brücke zu den Musikern zu schlagen, sei es mit Eloquenz, Enthusiasmus, Humor, sei es mit Wissen, Intellekt, Präzision oder Überzeugungskraft – nicht einfach, wie das rüberkommt zu den beiden hochkarätigen Orchestern, dem HR-Sinfonieorchester und dem Frankfurter Museums- und Opernorchester.

Auch wenn der Zuschauer über wenig Hintergrundwissen von der klassischen Musik verfügt, kann er sich von der Anspannung, Erleichterung, Suggestion und Magie dieses schweren Berufes anstecken oder sich ein wenig treiben lassen - und sich freuen oder lieber ärgern mit oder über den Gewinner. Im übrigen winkt auch den „Verlierern“ ein gutes Auskommen und eine ansprechende Karriere.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

 

Ein Atem (BRD 2015, Kinostart: 28.01.2016)
Regie:  Christian Zübert
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 31.01.2016

Griechenland und Deutschland – Das immer wieder hochgejubelte Beispiel für soziale Spannungen in der EU. Christian Zübert hat daraus einen Überbau für eine Geschichte über zwei Frauen aus diesen Ländern gemacht. Das interessante daran: Das Geschehen wird jeweils aus der anderen Perspektive erzählt. Eigentlich zwei Geschichten, gut besetzt, wobei Jördis Triebel die schillernste Person spielt.

Die sogenannten „Feindbilder“ funktionierten lange Zeit ganz gut zwischen Deutschland und Griechenland. Die neoliberalen Zuchtmeister in Berlin und die faulen wie korrupten Hellenen, die mit Geld nicht umgehen können. Christian Zübert hat eine Geschichte über zwei Frauen daraus extrahiert, wobei es eigentlich zwei Geschichten sind – jeweils aus der anderen Perspektive. Das wirkt natürlich etwas sperrig, tut aber der aktuellen Brisanz des Themas keinen Abbruch. Zumal die Darsteller aus Züberts Drehbuch einiges machen konnten, allen voran Jördis Triebel. Bei ihr merkt man das allerdings erst im Laufe des Dramas.

Elena (Chara Mata Giannatou) in Athen möchte ihr Leben auf eine gesunde finanzielle Basis stellen und reist nach Frankfurt, um dort einen guten bezahlten Bar-Job anzunehmen. In Griechenland kommt sie über vier Euro kaum hinaus. Trotzdem kann sie ihren Freund nicht überzeugen, mitzukommen. Angekommen im deutschen Wirtschafts-Wunderland, erfährt sie, dass sie schwanger ist und bekommt keine Arbeitserlaubnis für ihren Job. Durch Zufall erhält sie die Möglichkeit, Babysitterin im Dienste der jungen, vermögenden Tessa (Jördis Triebel) zu werden. Schick ist es im hippen Heim, alles trendy designed und öko. Das muss schon sein.

Dienst muss Elena nach einer Excel-Tabelle machen, ständig das Handy empfangsbereit halten und Süssigkeiten sind für den Nachwuchs tabu – bis auf einen Bonbon am Tag. Die Griechin versucht sich damit zu arrangieren und  die kühle Blasiertheit ihrer Chefin zu ignorieren. Sie hat auch keine andere Wahl. Jan ist der Herr des Hauses, ein erfolgreicher Unternehmer, der den smarten, verständnisvollen Ehemann spielt, wie es sich im Latte-Macchiato-Land gehört. Dabei verbirgt sich hinter dieser Fassade ein übler Kotzbrocken (Benjamin Sadler). Elenas Freund ist kaum anders. Er verlangt, dass sie umgehend nach Athen zurückkommt. Tessa will nach ihrer Babypause zurück in den Job – das ist Jan zuwider.

Und dann ist die kleine Lotte weg. Spurlos verschwunden. Und schließlich Elena. Da befinden wir uns schon in der zweiten Geschichte. Denn die Vorzeigezicke Tessa fliegt nach Griechenland, um ihr Kind zu suchen, zugleich verunsichert durch die Steine, die bei der Rückkehr in ihren Job zu heftigem Stolpern führte, und durch einen Ehemann, der ihr keine Rückendeckung geben wollte. Gezeiten gleich, läuft das Geschehen nun in verschiedene Richtungen und Klassengegensätze werden nebensächlich. Es handelt sich um zwei Frauen, die sich anfangs so fern gegenüber standen, nun deutlich sehen, wie nah ihre realen Bedürfnisse und Widersprüche eigentlich sind. Trotzdem sind sie außerstande, sich wirklich nahe zu kommen.

Spürbar für den Zuschauer ist allerdings, dass Christian Zübert seine Figuren ernst nimmt. Er ist ihnen nahe und so mancher Zuschauer auch, denn er kennt den schwankenden Boden, auf dem sich die Protagonisten befinden. Das macht den Film spannend und lebendig.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

 

The Hateful Eight (USA 2015, Kinostart: 28.01.2016)
Regie:  Quentin Tarantino
Filmbesprechung von Heinz-Jürgen Rippert
Hamburg, 28.01.2016

Quentin Tarantino hat sein neues Werk als Western konzipiert, der in der rauen Winterlandschaft Wyomings nach dem Bürgerkrieg spielt. Acht Gestalten treffen bei einem Schneesturm zusammen, suchen Schutz in einer Hütte, schwafeln über Gott und die Welt und bringen sich schließlich auf äußerst blutige Weise gegenseitig um. Samuel L. Jackson ist natürlich wieder dabei und Ennio Morricone hat für den passenden musikalischen Rahmen gesorgt.

Drei Stunden muss man schon durchhalten, das gilt besonders für Splatter-Movie-Fans, die sich auf die ultimativen Blut- und Gewaltszenen freuen. Die kommen nämlich erst im letzten Drittel des Marathon-Western. Aber dann geht es richtig los, der Phantasie sind eben keine Grenzen gesetzt. Quentin Tarantino mag das bekanntermaßen.

Davor können Freunde alternativer cinegraphischer Darstellungen sich über winterliche Impressionen in den Bergen Wyomings erfreuen und die orchestrale Filmmusik Ennio Morricones genießen. Der Alt-Meister des Western Score hat auf ausdrücklichen Wunsch Tarantinos komponiert.

Sonst wird über Gott und die Welt palavert. Ex-Nordstaatenoffizier mit Ex-Südstaaten-Milizionär, Kopfgeldjäger mit ihrer menschlichen Beute, Kutscher und Killer. Weiße gegen einen Schwarzen, der sogar einen persönlichen Brief Präsident Lincolns sein Eigen nennen darf. Dass es ja eine gewisse Historie gab, kann auf diese Weise auch mal erwähnt werden. Rassismus gegen Anti-Rassismus – der Bürgerkrieg wirkt noch, und Kopfgeld winkt. Solch ein Endlosgerede wirkt dagegen nicht. Es ist im Prinzip nichts als gähnende Leere, mitten im tiefen Schnee.

Die Hütte, die von den Reisenden aufgesucht wird, um Schutz vor dem Schneesturm zu suchen, ist von einigen weiteren obskuren Gestalten in Beschlag genommen worden. Allmählich wird das letzte Drittel, der Show-Down, eingeleitet. Man kann sagen, jetzt sind alle Betrüger und Killer beisammen. Damit es sich auch lohnt. Rote Farbflüssigkeit steht bereit und „Blut“ kann literweise spritzen.

Beteiligt sind ein britischer Edelmann, ein Cowboy, ein hinterhältiger Mexikaner, ein Ex-Südstaatengeneral, ein zukünftiger Sheriff – zumindest nach eigener Aussage, der schwarze Ex-Major, der „Hangman“ und seine Beute. Die Darsteller: Tim Roth, Michael Madsen, Demián Bichir, Bruce Deern, Walton Goggins, Samuel L. Jackson, Kurt Russell und Jennifer Jason Leigh. Letztere darf sich sogar Hoffnungen auf einen Nebenrollen-Oscar machen. Einen Christoph Waltz konnte Tarantino nicht ersetzen. Der Geschichte fehlt dadurch etwas Hintergründiges, Ironisches, Subversives, garniert mit einem Schuss Charme. Revolver- und Gewehr-Schüsse fallen dafür genug.

Die Hütte wird zum endgültigen Schlachthaus, weil die Farbflaschen schließlich leer werden müssen. Dabei hätte Quentin Tarantino eher einige Kopfgeldjäger Richtung Video-Piraten loslassen sollen. Denn eine DVD-Raubkopie kursierte schon vor dem US-Kinostart im Netz. Allerdings kommen Youtube- und DVD-Fans nie in den Genuss des sehr breiten 70mm-Panavision-Formats. Eine Reihe von Kopien wurden extra hergestellt, die leider nur in vier deutschen Kinos vorgeführt werden können: Zoo Palast in Berlin, Savoy in Hamburg, Lichtburg in Essen und Schauburg in Karlsruhe.
Quelle: Film-Blog „leinwand-freuden

 

Aus dem Abseits - Ein Film über Peter Brückner
Die Suche des Sohnes nach dem verlorenen Vater
(BRD 2015, Kinostart: 03.12.2015)
Regie, Buch: Simon Brückner
Filmbesprechung von Klaus-Jürgen Bruder
PDF: http://www.film-und-politik.de/BRK-ADA.pdf
Hamburg, 03.12.2015

Wer ist Peter Brückner? Peter Brückner, das war der Professor für Psychologie in Hannover, der zweimal vom Dienst suspendiert wurde. Brückner war keineswegs, wie es gleich zu Anfang des Films behauptet wird: der „Vater“ der antiautoritären Bewegung, nicht der Stichwortgeber oder Rädelsführer. Er war Teil von ihr, aber war als viel Älterer (geb. 1922) selbst kein 68er, er gehörte dazu und fühlte sich dazu gehörig, begeistert, aber hielt er es bei ihnen nicht lange aus, wie er auf dem Tunix-Kongress (Ende Januar 1978 in Berlin) gesagt hatte.
Ein bißchen vergessen ist er heute. Er soll wieder erinnert werden, wird wieder aufgesucht. 2012 richtete die „Neue Gesellschaft für Psychologie“ in Berlin zum 30. Todestag Peter Brückners einen Kongress aus mit dem Titel „Sozialpsychologie des Kapitalismus – heute. Zur Aktualität Peter Brückners“. Und dort hat sein letzter Sohn Simon den Plan entwickelt, seine Erkundungen auf den Spuren seines Vaters zu einem Film zu verarbeiten. So ist der Film der Versuch, mit Brückner auch die 68er wieder in Erinnerung zu bringen und zugleich die persönliche Suche nach dem verlorenen Vater, den dieser Sohn nie bewusst erlebt hat, denn dieser ist bereits gestorben, als der Sohn erst 4 Jahre alt war.

Brückner nicht gekannt zu haben, die 68 nicht erlebt zu haben, teilt der Sohn heute natürlich heute mit seiner Generation, die weder in deren Selbstheroisierung gefangen noch in deren Verleumdung durch die Sieger gebunden ist. Und es scheint, dass diese Generation wieder beginnt, sich dafür zu interessieren, sich ein eigenes Urteil bilden zu wollen. Sie scheinen wieder neugierig, und immer mehr lesen sie die lange für „überholt“ erklärten Texte. Zumindest bei dem Kongress nahmen viele junge Studenten teil, mit der „Sozialpsychologie des Kapitalismus“ in der Tasche.

So ist Simon Brückner, ebenso wie seine Generation insgesamt, auf andere angewiesen, die die Zeit miterlebt haben, die seinen Vater noch gekannt haben: können sie ihm sagen, wie sein Vater gewesen war? Wer er gewesen war, oder erzählen sie ihm von einem Menschen, wie sie ihn sehen wollten? Man hat zuweilen das Gefühl, (den Eindruck), sie nehmen die Suche des Sohnes nach seinem Vater in ihre Regie. Sie haben es in der Hand, was er erfährt; er ist der staunende Lehrling.

Simon Brückner hat daraus einen Film gemacht mit Fotos und Filmen, die von Brückner existieren, die seine Existenz dokumentieren (sollen), mit einigen wenigen, ausgewählten, Personen, die ihm von Peter Brückner erzählt haben. Vielleicht im Spektrum etwas sparsam angelegt.
Seine Mutter Barbara Sichtermann, seines Vaters letzte Frau, sagt ihm, sein Vater sei ein „politischer Mensch“ gewesen. Was zeichnet einen „politischen Menschen“ aus? War er kein richtiger Vater, wie er von seinem Stiefbruder erfährt, der ihn noch bewusst erlebt hatte und der das Kind Simon damals um die zärtliche Zuwendung, die der Vater Simon gezeigt habe, beneidet habe.

Ob er mehr darüber staunt, was sie Staunenswertes von seinem Vater berichten oder dass sie es gewesen sein sollen, die einen solchen erstaunenswerten Mann aus unmittelbarer Nähe erlebt haben. So unwirklich erscheint das Berichtete - gemessen an der prosaischen Gegenwart um ihn herum, unvorstellbar, unerreichbar im Augenblick des Interviews.

Eine Kluft scheint uns heute von jener Zeit zu trennen: dass Brückners Erscheinen derart irreal geworden ist, dass die Vorstellung, der leere und kalte Innenhof der Universität Hannover, den Simon von Alfred Krovoza geführt durchschreitet, mit Teilnehmern eines teach-ins bis auf den letzten Winkelgefüllt ist, „und das über mehrere Stunden“.

Wie erratische Blöcke erscheinen die Zitate Brückners vor dieser erkalteten Gegenwart, strahlend in ihrer Klarheit, treffsicher genau: Diese ganz und gar rücksichtslose Kritik der Verhältnisse und ihrer Profiteure und Mitläufer, getragen von einem „Wärmestrom“ des Brücknerschen „man empfange die Frage des anderen wie ein Geschenk, das es auszupacken gilt“. Seine Kritik war nachvollziehend, verstehend, auch oft beißend, nie aber „dogmatisch“, Rechthaberei lag ihm fern, eher die Haltung des „könnte es vielleicht sein?“, wie dies Brückner von der Psychoanalyse gelernt hatte.
Kritik als Selbst-Kritik zugleich verstanden, als Konstitution des Subjekts und Kritik der Verhältnisse, die dieses Subjekt hervorbrachten, deren Veränderung zugleich die Selbst-Veränderung zum Ziel hat. Solche Kritik war der Kern seiner „Theorie“, sie war aus der Kritik entfaltet. In die Kritik eingeschlossen waren auch Ansätze der Psychoanalyse - vor allem deren naturwissenschaftliche, biologische Seite die den Blick auf die sozialen Verhältnisse versperrt – obgleich oder gerade weil er der Psychoanalyse so nahe stand. Diese wiederum, auch die Psychoanalyse aus der Tradition der kritischen Theorie Frankfurter Provenienz, konnte damit so viel nicht anfangen, so saß er (auch) hier zwischen den Stühlen.

Als Kritiker war Brückner einer der wichtigsten Theoretiker der Neuen Linken der Studentenbewegung von 68 und zugleich ihr luzidester Kritiker an dieser selbst.

Er war ihr Begleiter, kritisch und sympathisierend zugleich. Als deutlich älterer hatte er seine Erfahrungen mit Herrschaft bereits unter dem Faschismus gemacht, dann auch (als Student) mit der DDR. Er war durch die bleierne Zeit der Adenauer Ära kurz davor zu resignieren, als Marktpsychologe: „wenn ich schon nicht mit diesem Staat leben kann, möchte ich wenigstens von ihm leben“, bis die Studentenbewegung für ihn eine Erlösung wurde aus der „inneren Emigration“. Als sympathisierender Begleiter versuchte er diese Bewegung durch kluge und überraschende Analysen zu fördern, sie vor Irrwegen zu schützen (wie dem der RAF) und sie zugleich vor den Angriffen des Staates – was zweimal mit seiner Suspendierung vom Dienst bestraft wurde.

Wieweit hat Brückner selbst dazu beigetragen, dass er weitgehend in Vergessenheit geraten ist? Diese Kluft, von der ich sprach, gab es schon damals: Er hat sich selbst gern als „einsam wandelndes Nashorn“ bezeichnet, als Querdenker, als einer der alles hinterfragt hat war er zuweilen auch unbequem, ging oft seine eigenen Wege. Hannover, die „Fünfte“ Fakultät, das – sozialwissenschaftliche – „fünfte Rad“ am Wagen der Technischen Universität, war ihm zu klein, der Enge ist er viel zu oft entflohen, er hatte viele Vortragsreisen zu den Universitäten in der ganzen Bundesrepublik gemacht, was ihm von den Zurückgebliebenen zum Vorwurf gemacht worden war: statt sich in Hannover mit den Mühen des Alltags zu konfrontieren, habe er das Bad in der Menge in Berlin oder sonst wo genossen.

Aber er hat auch nicht dafür gesorgt, dass Hannover für ihn ein fester Ort wird. Wie auch? In Hannover hatte er zwar einen Lehrstuhl, aber keinen Studiengang für Psychologie, deshalb auch nur „Nebenfach“-Studenten, die keine Beziehung zum Institut entwickelten, geschweige denn eine kritische. Unvorstellbar für uns, die wir Wissenschaftskritik uns selbst erarbeitet hatten: in Hannover stellten nicht die Studenten die kritischen Fragen an den Professor, sondern umgekehrt der Professor musste sich erst seine Studenten heranziehen.

Leider ist davon im Film nichts zu sehen, nichts über die Bedingungen, denen Brückner seine Bedeutung verdankt, (deshalb) auch nichts davon, weshalb er wieder in Vergessenheit geraten konnte.

Gleichwohl ist der Film sehr berührend, man erkennt Brückner in den Erzählungen der Begleiter und Schüler als Mensch, dessen Tod eine tiefe Wunde gerissen hat: sie haben ihn nicht vergessen. Und auch das zeigt der Film: die wunderbaren Zitate! Fast möchte ich sagen: sie seien das Wichtigste am Film, denn sie lassen erahnen: es lohnt sich, sie in seinen Büchern aufsuchen. Damit leistet der Film einen wichtigen Beitrag, Brückner dem Vergessen zu entreißen.

 

Krugovi Circles (Serbien/De/Fr/Slowenien/Kroatien 2013, Start: 17.04.2014)
Regie: Srdan Golubovic
Filmbesprechung von Jens Meyer
Hamburg, 17.04.2014

John Bosnien oder wie sich Fernsehredakteure den Krieg in Bosnien vorstellen oder das Böse ist meist unter dem Bett

Wie sieht das aus, wenn ZDF und Arte und sonst wer einen Film über Kroaten und Serben und sonst was machen? Das Erste, was ich bemerke ist, dass die Kroaten immer grimmig in die Kamera gucken. Man kann nicht erkennen, was sie vorhaben, doch (...)
weiterlesen unter dem folgenden Link:
http://www.film-und-politik.de/krugovi.pdf

 

Eine Frau flieht vor einer Nachricht
von David Grossmann (Hanser Verlag 2009)
Romanbesprechung von Regina Girod
Hamburg, 10.03.2012

Die anderen töten – und sich selbst

Eine Frau flieht vor einer Nachricht. So heißt das Buch des israelischen Autors. Und genau davon erzählt es auch. Zermürbt von Ängsten, verletzt und bestürzt vom Auseinanderbrechen ihrer Familie, flieht Ora vor der Nachricht, dass ihr jüngster Sohn bei einem Militäreinsatz gefallen sein könnte. Gerade war seine Dienstzeit zu Ende, die Gefahr, ihn zu verlieren, scheinbar gebannt, da meldet sich Ofer noch einmal- als Freiwilliger für eine Strafexpedition. Etwas in Ora weiß, dass er diesen Einsatz nicht überleben wird. In letzter Verzweiflung versucht sie, unerreichbar für die Überbringer der Todesnachricht zu sein, besessen von dem Gedanken, damit den Tod des Sohnes selbst zu verhindern. Mit Magie das Schicksal bannen; man fragt sich, ist die Frau verrückt?

Nach außen nicht, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Sie bringt den Sohn persönlich zum Kommando und lächelt in die angerückten Kameras – wie es sich gehört. Im Innern aber steht sie mit dem Rücken an der Wand. Ohnmächtig und verzweifelt ist sie dem Wahnsinn wirklich nahe, ihre Flucht ist ernst gemeint. Fast mit Gewalt bewegt sie ihren alten Freund Avram, mit ihr auf Wanderschaft zu gehen. 30 Tage lang, solange wie Ofers Einsatz dauern soll.

Der Plot erinnert an die Märchen aus tausendundeiner Nacht. Um das Leben ihres Sohnes und um ihr eigenes Leben erzählt die Frau dem Jugendfreund auf ihrer Wanderung von Ofer – ihrer beider Sohn. Und natürlich von sich selbst und ihrem Mann Ilan, der einmal Avrams bester Freund gewesen ist. Scheinbar ohne Logik, rein assoziativ reiht sie Geschichten aneinander, gibt innerste Gefühle preis und lässt sich immer tiefer auf ihr Gegenüber ein. Avram soll, ja muss! verstehen, was sie alleine nicht verstehen kann. Ein sehr intimer Vorgang, der Leser wird hineingezogen in den Bund der beiden, die Offenheit der Frau bewirkt, dass er sich schutzlos fühlt wie sie. Was hat den Traum zerstört von einer hellen, freundlichen Familie? Warum soll Ofer sterben müssen?

Es geht nicht einfach um private Angelegenheiten in diesem Buch. Es geht um alles. Mehr als dreißig Lebensjahre von Avram, Ilan und Ora – und die ganze Zeit herrscht Krieg. Aus den Geschichten der drei Menschen flüstert, keucht und schreit die Frage: Was hat der Krieg aus uns gemacht? Sie sind 16, als sie sich das erste Mal begegnen, im Sechstagekrieg. Die Jungen wollen Künstler werden, beide lieben Ora und Ora sie. Dann das schreckliche Ereignis, das ihr Leben prägen wird. Avram fällt den Ägyptern in die Hände, am Suez 1973. Sie foltern ihn bestialisch. Er wird ausgetauscht und überlebt. Als gebrochener Mann.

Ganz zum Schluss, fast am Ende des Romans, wenn man schon glaubt, alles verstanden zu haben, kommt Großmann noch einmal auf jene Schlacht zurück, nach der Avram gefangen wurde. Und schildert sie mit voller Wucht in ungeheuerlichen Szenen. Avram ist verwundet. Er liegt im Niemandsland. Tagelang. Über Sprechfunk bettelt er um Hilfe, flucht und schreit. Er kehrt sein Innerstes nach außen. Was für ein Irrsinn! Ist da noch jemand, der ihn hört? Gibt es überhaupt noch Menschen in einer solchen Schlacht? Großmann weiß, wovon er schreibt. Aus Sicht der Kämpfenden lässt er den Krieg erstehen, voll Trauer, Wut und Mitgefühl. Und dennoch spürt der Leser jeden Augenblick: Was hier passiert, das muss nicht sein! Gerade das macht ja den Wahnsinn aus, er kennt keinen Grund. Nichts berechtigt Menschen, sich zu schlachten. Nichts und nirgends auf der Welt. Und doch herrscht Krieg. Was wird aus uns, wenn alle Normen brechen und solcher Irrsinn zum Normalen wird?

In den Geschichten seiner Heldin Ora, einer sensiblen Frau, geht Großmann dieser Frage nach. Im Alltag, nicht nur in der Schlacht. Sami ist ihr Taxifahrer, ein Palästinenser. Mit ihm erlebt sie Israel aus seiner Sicht. Als Araber ist er verdächtig, er wird verachtet und als potentieller Feind behandelt. Oras Wunsch nach einer menschlichen Beziehung zu ihm scheitert. Immer wieder. Sie kann ihn nicht bewahren vor den Gefahren und den würdelosen Szenen, die ihm widerfahren, während sie sich gegen ihren Willen auf der anderen Seite wiederfindet. Ein Volk, das andere unterdrückt, kann selbst nicht frei sein. So klar und einfach habe ich den Satz nie illustriert gefunden. Denn Freiheit heißt doch auch, menschlich handeln zu dürfen. An jedem Menschen, nicht nur jener Gruppe, der man gerade angehört. Ora sagt an einer Stelle, als Palästinenser müsse man ja verrückt werden von dem Ausmaß der Demütigung. Und jene, die die Grausamkeiten ohne Mitleid exekutieren? Was ist mit denen? Bleiben die „normal“?

Gewalt erzeugt Angst und Gegengewalt und noch mehr Angst und neue Gewalt und immer so fort. Es entsteht eine Art von kollektiver Verblendung. Nicht mehr begrenzt auf irgend eine Front, der „Feind“ steht ja im eigenen Land. So wird das ganze Leben von diesem Strudel aufgesogen, er reduziert das Menschsein auf die Frage: Täter oder Opfer? Oder beides?
Was für Bilder, was für Szenen, als die Selbstmordattentate Tel Aviv erschüttern. Eine Stadt gelähmt vor Angst und erfüllt von Hysterie. In dieser beklemmenden Situation fängt Ora an, Bus zu fahren. Scheinbar ohne Grund. Sie fährt die längsten Strecken ab, quer durch die ganze Stadt. Sie schwänzt die Arbeit, so übermächtig ist ihr Drang nach diesen Fahrten. Absurd? Ja. Und doch verstand ich das, was sie da tut auch als Akt der Selbstbehauptung. Hilflos zwar und unbewusst, dafür konsequent. Wenn wirklich keine andere Wahl mehr möglich ist, dann lieber Opfer sein.

Was bleibt denn jener Minderheit, die, aus welchem Grund auch immer, der Verblendung nicht verfällt? Weggehen? Durch das ganze Buch zieht sich das Bild des Exodus. Fortgehen. Alle Bindungen zerreißen, so wie Ilan und ihr älterer Sohn. Am Ende fliegen beide nach Lateinamerika, Rückkehr ungewiss. Doch Ora kann nicht weg, schon wegen Ofer nicht. Und Israel ist ihre Heimat. Sie liebt das Land, man spürt es immer wieder auf ihrer Wanderung. Alles aufzugeben hieße, die Wurzeln ihres Lebens abzuschneiden. Sie wollte doch nur ein normales Leben führen, was war daran verkehrt? Nach all den Jahren voller Kriege steht sie vor einem Abgrund. Und ihr Land, auch wenn es das nicht weiß, mit ihr.

Diese Frau kann sich nicht anpassen. An die Logik des Krieges und die Zerstörung aller Werte. Doch der Sog der Mehrheitsmeinung ist gewaltig. Ora selbst wird ihm nicht mehr erliegen. Nur die anderen um sie herum, sogar die eigene Familie, selbst Ofer! Ihr sensibler Junge, der kein Fleisch gegessen hat, weil er kein Wolf sein wollte- als Kind. Er half dem großen Bruder aus der Krise, als keiner ihm mehr helfen konnte, voll Zärtlichkeit und Mitgefühl. Und dieser Ofer schnitzt sich als Soldat im Urlaub einen Schlagstock. Das sei besser, als zu schießen, auf die aufgehetzten Kinder, die mit Steinen werfen. Ora fleht ihn an, im Kampf auf keinen Fall zu töten, wenigstens vorbei zu schießen. Und Ofer sagt: „Dann trifft der andere.“ Kann sie das wollen?

Es kommt zum Bruch. Bei einer Razzia sperren die Soldaten aus Ofers Einheit einen alten Araber in den Kühlraum eines Fleischers – und vergessen ihn. Ora ist verzweifelt. Dass ihr Sohn, gleichgültig wie die anderen, nicht mehr empfand, was er da tat, macht sie fassungslos. Einen Menschen dem Tod auszuliefern und ihn einfach zu vergessen – unbegreiflich! Doch ihr Mann hat nun genug von ihrer Hysterie. Er möchte, dass sie ihren Sohn verteidigt, der Alte hat ja schließlich überlebt. Mit solchen Widersprüchen kann er nicht mehr leben, diese Frau ist verrückt. Und er geht. Oras Traum von einer hellen, freundlichen Familie, in der die Schrecken der Vergangenheit, die ihre eigene Kindheit prägten, keinen Platz mehr haben, ist zerstört.

Doch die Flucht vor jener Nachricht, dass ihr Sohn gestorben ist, weil er selbst getötet hat, wird scheinbar gegen jede Logik zum Beginn von Oras Heilung. Denn Avram, der Geschundene, der um seine Hoffnungen Beraubte, dieser zutiefst verletzte Mann, er versteht sie. Weil er weiß, dass die Spirale der Gewalt in Exzessen endet, in denen selbst der letzte Funken Menschlichkeit verglüht. Bei allen. So hat er, wenigstens für sich, die Kette der Gewalt gesprengt. Und seinen Peinigern vergeben.

Während der Gespräche mit Avram versteht die Frau erst wirklich, was geschehen ist. All das Unbewusste, das ihr Handeln prägte, ihre scheinbare Verrücktheit. Sie begreift: Sie muss sich der Verblendung widersetzen, sie kann nicht anders leben. Doch jetzt ist sie nicht mehr allein. Denn auch Avram, der keinem Menschen mehr vertrauen konnte, findet nach Jahrzehnten einen Weg zurück ins Leben – auf dieser Wanderung und im Gespräch mit ihr.

Eine analytische Beziehung, in der zwei Menschen sich gemeinsam retten, das ist die eine Ebene des Romans. Doch sie ist David Großmann nicht genug. All die Geschichten seiner Heldin, voll Emotionen und voller Sinnlichkeit, ungeordnet, widersprüchlich wie das Leben selbst, sie wirken wie ein Sog, sich einzulassen auf den Weg, den Ora hier vor unseren Augen geht, hin zu dem klaren Satz: Es muss Schluss sein mit dem Krieg, auch wenn wir scheinbar siegen, töten wir uns selbst. Und echter Frieden braucht Gerechtigkeit, das heißt, der Stärkere gibt nach. Sonst bleibt man weiter eingesperrt in der Behauptung „Ich will den Frieden ja- aber der Feind, der will ihn nicht!“. Noch vierzig Jahre, oder fünfzig? Bis schließlich Norm geworden ist, was heute noch als Gräueltat gilt.

Zwei Generationen sind mehr als genug. Der Mensch ist in der Lage, sich zu korrigieren, warum nicht die Gemeinschaft? Wie ein Therapeut bemüht sich Grossmann, die ideologische Verblendung seiner Gesellschaft aufzubrechen, indem er spiegelt, was er sieht. Und auch sich selbst hat er mit eingebracht in den Roman, nicht nur als Autor. Ich denke jedenfalls, ich habe ihn erkannt – in dem alten Kinderarzt, dem Avram und Ora unterwegs begegnen. Der fragt die Menschen, die er trifft, nach ihrer größten Sehnsucht und nach dem, was sie bereuen. Und schreibt es auf.

Dieser Mann erkennt, wie gefährdet Ora ist und kann ihr doch nicht helfen. Vielleicht aber doch? Was ist denn wirkungsmächtiger als Kunst? Als ein solcher Roman?